Papier- und Verpackungsindustrie (WZ C17) in Ostfriesland: Eine ländliche Wertschöpfungskette im Umbruch
Ostfriesland – definiert durch die Landkreise Aurich, Leer und Wittmund sowie die kreisfreie Stadt Emden – präsentiert sich wirtschaftlich als heterogenes Gefüge. Mit rund 160.000 bis 170.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (SV-Beschäftigten) bildet die Region einen stabilen, wenn auch strukturschwachen ländlichen Raum. Die Top-Branchen werden dominiert vom Fahrzeugbau (VW-Werk Emden, WZ C29, ca. 9.500 MA), dem Gesundheitswesen (ca. 8.000–10.000 MA) und dem Tourismus (ca. 7.000–10.000 MA). Auch die Windenergie mit Enercon in Aurich (WZ C28, ca. 5.000–7.000 MA) und der Handel (WZ G, ca. 7.000–9.000 MA) prägen den Arbeitsmarkt.
Die Papier- und Verpackungsindustrie (WZ C17) tritt in der öffentlichen Wahrnehmung der Region oft hinter diesen Giganten zurück. Dennoch ist sie als B2B-Zulieferer und Infrastrukturdienstleister essenziell. Ob VW-Teileverpackungen, Verpackungen für die ostfriesische Fisch- und Molkereiwirtschaft oder Spezialverpackungen für Windkraftrotoren – ohne WZ C17 steht die regionale Wertschöpfung still.
In diesem Artikel wenden wir das 3 Horizons Framework auf die Papier- und Verpackungsbranche in Ostfriesland an. Ziel ist es, mittelständischen Entscheidern eine faktenbasierte Strategie an die Hand zu geben, um im ländlichen Raum Wettbewerbsvorteile gegenüber metropolitanen Standorten zu sichern.
Mehr zum Framework finden Sie in unserer Übersicht: 3 Horizons Framework
Die Ausgangslage: WZ C17 im ländlichen Ostfriesland
Im Vergleich zu Ballungszentren wie Nordrhein-Westfalen (mit Schwerpunkt in der Zellstoff- und Papierproduktion entlang des Rheins) oder Süddeutschland (Verpackungsmaschinenbau WZ C18) ist die ostfriesische Papierwirtschaft fragmentierter. Es handelt sich primär um mittelständische Konverter, Wellpappenwerke und flexible Verpackungsproduzenten.
Standortfaktoren in Ostfriesland:
- Logistik: Der Emder Hafen (drittgrößter Autoverladehafen Europas) und die Küstenlage bieten Exportvorteile, aber die letzte Meile im ländlichen Raum (Wittmund, ländlicher Kreis Aurich) erhöht die Frachtkosten.
- Energie: Papierproduktion ist energieintensiv. Ostfriesland ist durch Enercon und Offshore-Windpark-Anbindungen ein Energie-Standort, doch die Netzentgelte und Industriestrompreise belasten die Margen der C17-Betriebe massiv.
- Arbeitsmarkt: Bei ~160.000–170.000 SV-Beschäftigten insgesamt ist die Konkurrenz um Fachkräfte groß. VW und Enercon ziehen die technischen Talente an; für die Papierindustrie bleibt eine spezialisierte, oft ältere Belegschaft.
3 Horizons angewandt auf die Papier- und Verpackungsindustrie (WZ C17)
Das 3 Horizons Modell unterteilt die strategische Planung in drei Zeithorizonte: Horizon 1 (heute bis 2 Jahre), Horizon 2 (2 bis 5 Jahre) und Horizon 3 (5 bis 10 Jahre+).
Horizon 1: Core Business – Verteidigen und Optimieren
Status Quo: Die Produktion von Wellpappe für den regionalen Handel (WZ G) und die Lebensmittelindustrie (Fisch aus Emden, Molkereiprodukte aus Leer/Aurich) sowie Industrieverpackungen für VW Emden.
Herausforderungen: Die Energiekosten sind seit 2022 um über 150% gestiegen (bezogen auf Gas/Erdgas-abhängige Trocknungsprozesse in der Papierveredelung). Gleichzeitig drücken die Frachtraten im ländlichen Raum die EBIT-Margen.
Handlungsempfehlungen für H1:
- Regionale Kreisläufe schließen: Nutzung von Altpapier-Strömen aus den Landkreisen Aurich, Leer und Emden. Die Entsorgungswirtschaft der Region liefert genug Input, um die Abhängigkeit von Frischfasern zu reduzieren.
- Logistik-Bündelung: Gemeinsame Auslieferungskooperationen mit dem Baugewerbe (WZ F) oder dem Handel, um Leerfahrten zwischen Wittmund und Emden zu vermeiden.
- Prozessautomatisierung: Da der Arbeitsmarkt eng ist (Gesundheitswesen und VW ziehen Kräfte ab), müssen H1-Prozesse in den Konvertierungen automatisiert werden.
Horizon 2: Emerging Business – Aufbau und Wachstum
Trend: Der Strukturwandel in Ostfriesland bietet neue Möglichkeiten. VW Emden stellt auf E-Mobilität um; Enercon expandiert trotz Krisen im Windsektor. Der Tourismus auf den Inseln (Juist, Norderney, Borkum) fordert plastikfreie Verpackungslösungen.
Strategische Stoßrichtungen:
- E-Mobility Packaging: VW benötigt neue Verpackungslösungen für Batteriezellen und E-Achsen. Regionale C17-Betriebe können als Entwicklungspartner für returnable packaging systems (Mehrweg) fungieren.
- Offshore-Wind Logistik: Enercon und Zulieferer benötigen Schwerlastverpackungen aus recyceltem Material für Rotorblätter. Hier ist ein Nischenmarkt für technische Verpackungen entstanden.
- Tourismus & Inseln: Die seven East Frisian Islands haben begrenzte Müllkapazitäten. Mono-material Verpackungen (reine PE oder reine PP Lösungen statt Verbunde) aus regionaler Produktion reduzieren den Entsorgungsaufwand.
Handlungsempfehlungen für H2:
- Gründung eines Ostfriesland Packaging Innovation Hubs mit der Hochschule Emden/Leer (ca. 4.600 Studierende). Die Hochschule hat Kompetenzen in Logistik und Nachhaltigkeit, die es zu nutzen gilt.
- Erschließung von EU-Fördermitteln (z.B. EFRE) für die Umrüstung auf CO2-neutralere Trocknungstechnologien in den Werken.
Horizon 3: Future Business – Transformation und Neudefinition
Vision: Ostfriesland als Vorreiter für eine bio-basierte, CO2-negative Verpackungsindustrie im ländlichen Raum.
Szenario: Bis 2035 könnte die Region ihre Stärke in der Windenergie (WZ C28) mit der Papierindustrie (WZ C17) synthetisieren. Grüner Wasserstoff aus Emden und Aurich wird für die Prozesswärme in Papierfabriken genutzt. Gleichzeitig liefert die regionale Landwirtschaft (Zuckerrüben, Getreide) Reststoffe für Faserstoffe.
Handlungsempfehlungen für H3:
- Power Purchase Agreements (PPA): C17-Unternehmen sollten sich heute schon mit Projektierern von Windparks in Wittmund und Aurich zusammentun, um langfristige Stromverträge zu fixieren, bevor der Netzausbau (SuedLink) die Preise verändert.
- Circular Economy Gesetzgebung antizipieren: Die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) wird Rezyklateinsatzquoten erzwingen. Wer in Ostfriesland jetzt die Sortiertechnik für landwirtschaftliche Fasern aufbaut, sichert sich einen First-Mover-Vorteil gegenüber NRW-Standorten.
Vergleich mit anderen Regionen
Die Papierindustrie in Ostfriesland unterscheidet sich fundamental von metropolitanen Clustern:
- Vs. NRW (Rheinland): Dort dominieren integrierte Zellstoff- und Papierfabriken (großskalig). Ostfriesland ist dezentraler, flexibler, aber durch höhere Logistikkosten pro Tonne belastet.
- Vs. Bayern (WZ C18/29 Umfeld): Bayern hat den Maschinenbau für Verpackungen. Ostfriesland hat den Endkunden (VW, Tourismus, Lebensmittel). Das bedeutet: Kürzere Wege zur Anwendung, aber geringere Eigenständigkeit in der Maschinenentwicklung.
- Vs. Norddeutschland (Hamburg/Bremen): Die Hansestädte haben den Handel, Ostfriesland die Produktion. Eine strategische Allianz zwischen Hamburger Handelshäusern und Emder Verpackern über den Seeweg ist untergenutzt.
Fazit und konkrete nächste Schritte für Mittelständler
Die Papier- und Verpackungsindustrie (WZ C17) in Ostfriesland steht nicht vor dem Aus,