BCG Matrix: Wettbewerbspositionierung für Glas/Keramik/Steine (WZ C23) in der Metropolregion München

Die Metropolregion München zählt mit rund 6 Millionen Einwohnern zu den produktionsstärksten Wirtschaftsräumen Deutschlands. Laut Bundesagentur für Arbeit und IHK München konzentriert sich das Beschäftigungswachstum auf Luftfahrt (C30, ~52.000 SV-Beschäftigte), IT-Dienstleistungen (J62, ~45.000) und Elektronik/Optik (C26, ~28.000). Die Branche Glas/Keramik/Steine (WZ C23) taucht in den Top-20-Rankings nach SV-Beschäftigten vom Juni 2026 nicht explizit auf – sie ist im produzierenden Gewerbe außerhalb der genannten Cluster verortet und schlägt sich im Baugewerbe (F, ~35.000) sowie bei Bauinstallation/Ausbau (F43, ~20.000) als nachgelagerte Lieferkette nieder.

Das ist das eigentliche Problem des Münchner Mittelständlers in C23: Er hängt am Tropf zweier Stabilisatoren (Bau, öffentliche Hand) und zweier Wachstumsfelder (Luftfahrt, Elektronik), ohne selbst als eigenständiges Cluster sichtbar zu sein. Die BCG Matrix liefert hier das Instrument, um die eigene Portfolio-Position jenseits von Baustellenkonjunktur und Subventionspolitik zu bestimmen.

Standortfaktoren München: Was C23 wirklich hat

München bietet für C23-Unternehmen eine paradoxe Ausgangslage. Einerseits sind die Immobilien- und Grundstückskosten im Stadtgebiet und im Umland (Landkreis München) für energieintensive Produktion prohibitiv. Andererseits sitzen die Abnehmer direkt nebenan:

Der regionale Hebel liegt nicht im Massengeschäft, sondern in der technischen Differenzierung und in der Logistiknähe zu den genannten Clustern. Wer in C23 in München produziert, muss entweder Spezialist für Bauwerksverglasung im Premiumsegment sein oder Zulieferer für die C26/C30-Wertschöpfung.

BCG Matrix angewandt auf WZ C23 in München

Die BCG Matrix ordnet Geschäftseinheiten nach Marktwachstum (hoch/niedrig) und relativem Marktanteil (hoch/niedrig). Für einen C23-Mittelständler in der Metropolregion ergeben sich vier realistische Portfolioszenarien:

1. Stars: Technische Keramik für Luftfahrt & Elektronik

Unternehmen, die Hochleistungskeramik für MTU Aero Engines, Infineon oder Siemens liefern, operieren in einem wachsenden Markt (C30 +26 % und C26 wachsend laut BA-Daten) mit hohem spezifischem Marktanteil im Nischensegment. Status: Kapitalintensiv, aber defensiv. Wer hier steht, sollte in Prozessautomatisierung investieren, bevor die Lohnkosten im Münchner Raum (Tarifbindung Bau/Metall teilweise übertragbar) die Marge auffressen.

2. Cash Cows: Standard-Glas und Naturstein für Bau (F/F43)

Das Baugewerbe ist stabil (~35.000 + ~20.000 SV-Beschäftigte). Wer Isolierglas, Fassadenelemente oder Bodenbeläge liefert, hat einen niedrigen Wachstumspfad, aber einen hohen lokalen Marktanteil durch etablierte Ausschreibungsbeziehungen. Status: Cash Generator. Das Geld sollte nicht in Kapazitätsausbau fließen, sondern in die Digitalisierung der Angebotskalkulation und in die Dekarbonisierung (Gaspreisrisiko), um bei öffentlichen Ausschreibungen (O84) weiterhin zu punkten.

3. Question Marks: Recycling-Baustoffe und CO2-reduzierte Keramik

Der Markt für kreislauffähige Mineralstoffe wächst durch EU-Taxonomie und Münchner Bauordnung. Relativer Marktanteil ist aber gering, weil die meisten C23-Betriebe noch im linearen Geschäft stecken. Status: Entscheidung nötig. Entweder fokussierter M&A-Sprung in die Kreislauftechnologie oder bewusster Verzicht. Halbe Investitionen verbrennen hier Liquidität.

4. Poor Dogs: Massiv- Steinproduktion ohne Differenzierung

Wer unbehandelten Naturstein oder Standardziegel produziert und gegen ostdeutsche und ausländische Konkurrenz ankämpft, bei gleichzeitig hohen Münchner Grundstückskosten, ist im Niedrigwachstum mit niedrigem Anteil unterwegs. Status: Desinvestition. Standortverlagerung ins Umland (Landshut, Augsburg) oder Produktionsstopp zugunsten von Handel/Distribution.

Regionale Benchmark: München vs. other clusters

Im Vergleich zur Metropolregion Rhein-Ruhr (Duisburg/Essen: traditioneller Steine-Erden-Schwerpunkt) ist München kein günstiger Produktionsstandort. Die Rhein-Ruhr-Region profitiert von Braunkohle-Nähe (historisch) und Hafenlogistik. München hingegen muss den Premiumanspruch der regionalen Abnehmer (BMW, Allianz-Bauten, TU-Forschung) nutzen.

Ein Vergleich mit der Region Stuttgart (ebenfalls Automotive + Hochtechnologie) zeigt: Dort ist C23 stärker in die Auto-Zulieferkette integriert. München hat mit der Luftfahrt (MTU, Airbus-Zulieferer) einen ähnlichen Hebel, nutzt ihn aber bei C23 zu wenig aktiv. Während in Stuttgart keramische Bremskomponenten ein etabliertes Cluster bilden, fehlt in München die strukturierte Anbindung der C23-Betriebe an C30.

Strategische Handlungsempfehlungen für Entscheider

Basierend auf der BCG-Einordnung und den BA-/IHK-Daten vom Juni 2026 leiten wir fünf konkrete Maßnahmen ab:

1. Portfolio-Bereinigung nach BCG-Logik Führen Sie eine Produktzeilen-Analyse durch. Alles, was als Poor Dog identifiziert wird (Standardstein gegen Billigimporte), wird bis Q4 2027 aus dem eigenen Produktionsportfolio gestrichen. Die freiwerdende Fläche im Landkreis München wird für Star-Produktion (Technische Keramik) umgenutzt.

2. Anbindung an C26/C30 über IHK-Plattformen Die IHK München bietet Branchenfrühstücke für Zulieferer. C23-Betriebe sollten nicht im Bau-Netzwerk bleiben, sondern aktiv in die Gremien Elektronik/Optik und Luftfahrt wechseln. MTU und Infineon suchen laut BA-Trend wachsende Zulieferer – der relative Marktanteil lässt sich über Joint Development Agreements heben.

3. Dekarbonisierung als Cash-Cow-Schutz Bei stabilen Baukunden (F/F43, O84) werden ab 2027 CO2-Kriterien bei Ausschreibungen hart. Wer als Cash Cow (Standardglas) keine Elektrifizierung des Ofens oder kein grünes Gas nachweist, verliert den lokalen Marktanteil. Investitionsschwellen sind bekannt: Eine Umbau eines Glaswannenofens liegt bei 2–4 Mio. EUR – aus der Cash-Cow-Marge zu finanzieren, nicht über Fremdkapital.

4. M&A statt Organic Growth bei Question Marks Kreislauf-Baustoffe (Question Mark) eigenständig zu entwickeln, dauert 5+ Jahre. Mittelständler in C23 mit 20–100 Mio. EUR Umsatz sollten lieber einen bestehenden Recycling-Spezialisten im Raum Augsburg oder Nürnberg akquirieren. Die BCG-Logik: Question Mark wird durch Marktanteilskauf zum Star.

5. Standort-Hedge über Metropolregion hinaus München-Stadt ist für C23-Produktion tot. Landkreis München hält die Kosten noch im Rahmen, aber für energieintensive Poor Dogs ist die Verlagerung nach Nordbayern (Hof, Marktredwitz – traditionelles Keramikrevier) die einzig rationale BCG-konforme Desinvestition.

Fazit: C23 in München braucht keine Industriepolitik, sondern Portfoliodisziplin

Die Metropolregion München wächst in IT, Luftfahrt und Elektronik. Die Glas/Keramik/Steine-Branche (WZ C23) ist nicht in den Top 20 der SV-Beschäftigten – und das ist angesichts der Grundstückspreise auch konsequent. Wer hier überlebt, nutzt die BCG Matrix als internen Kompass: Cash Cows melken und schützen, Stars mit Kapital füttern, Question Marks kaufen statt bauen, Poor Dogs konsequent abschalten.

Der Münchner Mittelständler in C23 ist kein Opfer der Strukturwende, sondern oft nur schlecht alloziert. Die Daten der Bundesagentur für Arbeit vom Juni 2026 zeigen: Die Nachfrage der Cluster C26, C30 und F ist da. Die Lücke liegt in der strategischen Selbstverortung.

Weiterführende Analysen zu Strategie-Frameworks finden Sie unter /frameworks/. Praxisbeispiele aus dem Münchner Mittelstand sind in unserem /blog/ dokumentiert.