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Die Ausgangslage: F&E in Deutschland und die Dominanz Münchens
Der deutsche Forschungs- und Entwicklungssektor (WZ M72) bewegt sich auf einem Ausgabenniveau von rund 127 Milliarden Euro (2024/2025), was einem Anteil von 3,1 Prozent am BIP entspricht. Damit liegt Deutschland deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 2,7 Prozent. Bundesweit sind zwischen 750.000 und 800.000 Personen in der F&E beschäftigt, davon rund 500.000 bis 530.000 im Wirtschaftssektor.
Wer jedoch die regionale Verteilung betrachtet, stößt auf eine asymmetrische Struktur. München ist mit Abstand der bedeutendste F&E-Standort Deutschlands. Die bayerische Landeshauptstadt vereint fünf Max-Planck-Institute, mehrere Fraunhofer-Einrichtungen, die TUM und LMU sowie das Europäische Patentamt auf engstem Raum. Allein Bayern vereinnahmt 25 bis 28 Prozent der deutschen F&E-Ausgaben.
Frankfurt am Main – als Metropole des Rhein-Main-Gebiets und kreisfreie Stadt – spielt in der öffentlichen Wahrnehmung der Forschung oft nur die zweite Geige. Das ist ein strategischer Fehler. Frankfurt verfügt über eine einzigartige Demografie an Auftraggebern: die dichteste Banken- und Finanzlandschaft Europas, den größten Internetknoten (DE-CIX) und mit dem Industriepark Höchst einen der leistungsfähigsten Pharma- und Chemiestandorte der Welt.
Warum klassische Cluster-Strategie in Frankfurt scheitert
Viele Entscheider im Frankfurter Mittelstand versuchen, das Münchner Erfolgsmodell zu kopieren: Sie investieren in Biotechnologie-Labs (wie in Martinsried) oder gründen KI-Entwicklungszentren (wie das Munich AI Lab). Das ist eine klassische „Red Ocean“-Strategie. Der Wettbewerb um Talente, Fördermittel und Patente in diesen etablierten Feldern ist in München bereits hyperkompetitiv. Frankfurt hat weder die historisch gewachsene Dichte an Exzellenzuniversitäten noch die staatlich subventionierte Cluster-Förderung Bayerns.
Hier bietet die Blue Ocean Strategy einen Ausweg. Statt in bestehenden Markträumen (Red Oceans) gegen München zu kämpfen, müssen Frankfurter F&E-Einheiten neue, ungesättigte Werträume (Blue Oceans) schaffen.
Blue Ocean Strategy angewandt auf WZ M72 in Frankfurt
Die Blue Ocean Strategy von Chan Kim und Renée Mauborgne basiert auf „Value Innovation“ – der simultanen Erhöhung des Kundennutzens und Senkung der Kosten durch Bruch mit Branchenkonventionen. Für die Forschung & Entwicklung in Frankfurt bedeutet das:
1. Eliminieren: Weg von der isolierten Grundlagenforschung
Frankfurt sollte nicht versuchen, München bei der reinen Grundlagenforschung (z. B. Quantenphysik an der TUM) zu schlagen. Die Max-Planck-Institute in Frankfurt (Biophysik, Hirnforschung) sind exzellent, aber kleiner. Mittelständische F&E-Einheiten (WZ M72) sollten die Finanzierung von „Forschung um ihrer selbst willen“ eliminieren und sich auf angewandte Entwicklung fokussieren, die direkt an die hiesige Wirtschaftsstruktur andockt.
2. Reduzieren: Geringere Abhängigkeit von staatlichen Förderprogrammen
In München fließen Bayerns Hightech-Agenda-Mittel in gigantischem Umfang. Frankfurt muss sich weniger auf BMBF-Förderungen verlassen und stattdessen die private Kapitalkraft der Region nutzen. Die Nähe zu DAX-Konzernen, Private-Equity-Häusern und der Deutschen Bundesbank erlaubt es, F&E-Projekte über Corporate Venture Capital oder direkte Industriekooperationen zu finanzieren.
3. Erhöhen: Integration von Regulatorik und Finanz-Know-how
Frankfurt besitzt einen komparativen Vorteil, den München nicht hat: die Europäische Zentralbank, BaFin und hunderte FinTechs. F&E im Bereich „RegTech“ (Regulatory Technology), „SusTech“ (Sustainable Finance Tech) und „Risk Analytics“ muss massiv ausgebaut werden. Während München KI für autonomes Fahren entwickelt, entwickelt Frankfurt KI für Echtzeit-Risikobewertung im globalen Kapitalverkehr.
4. Erschaffen: Der „Finance-R&D“-Wertraum
Es gilt, einen neuen Marktraum zu erschließen: Die symbiotische Forschung zwischen Life Sciences und Finanzmathematik (z. B. Pharmakoökonomie, Tokenisierung von IP-Rechten in der Biotech-Branche) oder die Nutzung von Hochleistungscomputing für Klimarisiko-Modelle. Dies ist ein Blue Ocean, weil er die spezifische Metropol-Struktur Frankfurts voraussetzt und nicht einfach nachbaubar ist.
Regionale Tiefe: Standortfaktoren und Arbeitgeber in Frankfurt
Um diese Strategie umzusetzen, müssen Entscheider die realen Akteure im Frankfurter Raum kennen und einbinden:
- Goethe-Universität Frankfurt: Mit dem Exzellenzcluster „Cardio-Pulmonary Institute“ (CPI) und dem LOEWE-Schwerpunkt bietet sie angewandte medizinische F&E, die direkt mit dem Industriepark Höchst (Sanofi, Celanese, Fresenius) korrespondiert.
- Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung (IGD): Spezialisiert auf Visual Computing. Ein idealer Partner für FinTechs, die komplexe Datenräume (z. B. Krypto-Asset-Dashboards oder ESG-Reporting) visuell aufbereiten müssen.
- BioCity Frankfurt / Industriepark Höchst: Hier forschen über 90 Unternehmen an Biopharmazeutika. Der Fokus liegt auf der experimentellen Entwicklung (WZ M72.1), nicht nur auf der Theorie.
- DE-CIX: Der weltweit führende Internetknotenpunkt. F&E-Einheiten im Bereich Edge Computing und Cybersecurity für kritische Finanzinfrastrukturen finden hier reale Testumgebungen, die es in München so nicht gibt.
Im Vergleich zu München fehlt Frankfurt zwar die kritische Masse an 10.000 Universitäts-Mitarbeitenden wie an der LMU, aber die Interdisziplinarität zwischen Kapitalmarkt und Technologie ist in Frankfurt höher.
Strategische Handlungsempfehlungen für Entscheider
Basierend auf der Blue Ocean Strategy und der regionalen Datenlage geben wir folgende konkrete Empfehlungen für F&E-Leiter und Geschäftsführer im DACH-Mittelstand:
1. Neupositionierung des F&E-Portfolios (Strategy Canvas)
Zeichnen Sie eine Strategie-Leinwand Ihrer aktuellen F&E-Projekte. Wenn Ihre Wettbewerber in München bereits in denselben Technologiefeldern (z. B. generative KI, mRNA-Plattformen) investieren, reduzieren Sie diese Budgets. Erhöhen Sie die Investitionen in Schnittstellentechnologien (Finance x Tech x Life Science). Ein mittelständischer Zulieferer aus dem Rhein-Main-Gebiet sollte nicht versuchen, einen eigenen KI-Chip zu bauen, sondern KI-Modelle zur Optimierung von Supply-Chain-Risiken in der Pharmalogistik entwickeln.
2. Nutzung der „Buyer Utility“ im B2B-F&E
In der F&E (M72) wird oft vergessen, wer der eigentliche Abnehmer der Forschungsergebnisse ist. In Frankfurt ist der „Buyer“ nicht der Staat, sondern der CFO oder Chief Risk Officer eines global agierenden Konzerns. Entwickeln Sie F&E-Dienstleistungen, die direkt in die Compliance- und Reporting-Prozesse dieser Zielgruppen integrierbar sind. Das senkt die Time-to-Market und erhöht die Zahlungsbereitschaft.
3. Talentakquise über den „Non-Traditional“-Pfad
Da München die klassischen Tech-Talente mit höheren Gehältern abfängt, müssen Frankfurter F&E-Einheiten Quereinsteiger aus der Finanzbranche rekrutieren. Ein Quantitatives Analyst (Quants) aus der Investmentbank kann im Frankfurter Kontext schneller eine F&E-Einheit für Predictive Analytics aufbauen als ein promovierierter Informatiker aus dem Münchner Silicon-Isar-Ökosystem, dem die Domäne Kapitalmarkt fehlt.
4. Regionale Allianzen statt nationalem Wettbewerb
Statt im Branchenreport München nach Kopierungsmöglichkeiten zu suchen, sollten Frankfurter Akteure Allianzen mit Darmstadt (TU Darmstadt, Cybersecurity) und Mainz (BioNTech, JGU) schmieden. Der „Rhein-Main-Neckar-Dreieck“ ist der eigentliche Blue Ocean für angewandte F&E in Hessen/RP.
Fazit: Frankfurt muss aufhören, München sein zu wollen
Die Daten des Branchenreports (127 Mrd. € F&E-Volumen DE-weit, 3,1 % BIP) zeigen: Der Kuchen wächst. Doch Frankfurt am Main als Metropole wird nur dann zum strategischen Gewinner in WZ M72, wenn es aufhört, im Red Ocean der klassischen Hochtechnologie-Cluster gegen München zu kämpfen.
Die Blue Ocean Strategy liefert das Skalpell, um die Frankfurter F&E-Landschaft präzise zu öffnen: Eliminieren Sie den Drang zur Grundlagenforschung, reduzieren Sie die Fördermittelabhängigkeit, erhöhen Sie die Finanz- und Regulatorik-Integration und erschaffen Sie völlig neue Werträume im Bereich Finance-R&D.
Entscheider, die diese Strategie heute implementieren, sichern sich den komparativen Standortvorteil der nächsten Dekade.