Warum die Medienwirtschaft in Ostfriesland kein Nebenschauplatz ist

Ostfriesland (Aurich, Leer, Wittmund, Emden) wird in der öffentlichen Wahrnehmung primär über seine industriellen und maritimen Ankerpunkte definiert. Rund 160.000 bis 170.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte (SV-Beschäftigte) prägen die Region. Das VW-Werk in Emden (ca. 9.500 MA), die Enercon-Zentrale in Aurich (Windenergie, ca. 5.000–7.000 MA im Cluster), der Emder Hafen (drittgrößter Autoverladehafen Europas) sowie ein tourismusstarker Küstenraum (geschätzt 7.000–10.000 Beschäftigte im Gastgewerbe/Tourismus) dominieren die Diskussion.

Doch die Medien- und Kreativwirtschaft (WZ J58: Verlegen, Drucken, Vervielfältigen; WZ J59: Film, Video, Fernseh-, Ton- und Rundfunkproduktion, Buch- und Datenbankverlagen) findet in dieser ländlichen Struktur bislang kaum strategische Beachtung. Das ist ein Fehler. Gerade im ländlichen Raum bietet die Anwendung der Blue Ocean Strategy die Chance, aus der Defensive (Abwehr des Brain-Drains nach Hamburg oder Berlin) in die Offensive zu wechseln.

Auf strategyisdead.com/frameworks/ haben wir die Grundlagen der Wertinnovation detailliert beschrieben. In diesem Artikel übertragen wir das Framework konkret auf die Branche J58/J59 in Ostfriesland.

Ausgangslage: Medien in der Peripherie

Die Medienlandschaft in Ostfriesland ist fragmentiert. Neben Lokalredaktionen (z.B. Ostfriesen-Zeitung, Emder Zeitung) gibt es kleine Produktionshäuser, Grafikstudios und Webagenturen, die primär als Zulieferer für den regionalen Mittelstand fungieren. Im Vergleich zu metropolitanen Clustern wie Hamburg (über 100.000 Beschäftigte in der Kreativwirtschaft) wirkt die Region marginal.

Doch genau hier liegt der Hebel. Wer im Roten Ozean (Red Ocean) der metropolitanen Agenturpreise und Produktionskosten konkurriert, verliert. Die Mieten in Hamburg oder München, der War-for-Talent und die Homogenisierung der Angebote fressen die Margen. Ostfriesland hingegen bietet niedrige Opportunitätskosten, eine hohe Lebensqualität und – das ist entscheidend – unmittelbare Nähe zu hochkomplexen Industrie-Themen (Offshore-Wind, Automobilproduktion, Deichbau, Küstenschutz).

Blue Ocean Strategy: Das ERRC-Grid für WZ J58/J59 in Ostfriesland

Die Blue Ocean Strategy von Chan Kim und Renée Mauborgne basiert auf der Schaffung unbesetzter Markträume (Blue Oceans) durch Value Innovation. Wir wenden das Eliminate-Reduce-Raise-Create-Grid (ERRC) auf die Medienbranche in der Region an:

Eliminate (Eliminieren):

Reduce (Reduzieren):

Raise (Erhöhen):

Create (Erschaffen):

Standortfaktoren nutzen: Die Ostfriesland-Karte

Um diesen Blue Ocean zu besetzen, müssen Entscheider die spezifischen Daten der Region nutzen.

Emden: Mit dem VW-Werk (ca. 9.500 SV-Beschäftigte) und dem Hochschulstandort (Hochschule Emden/Leer, ca. 4.600 Studierende) gibt es ein Talent-Pool-Potenzial und einen Anchor-Client für Corporate Publishing, Technische Dokumentation (WZ J58) und Video-Kommunikation (WZ J59). Der Hafen liefert maritimes B-roll Material quasi vor der Tür.

Aurich: Als Hauptsitz von Enercon (Windkraft) und mit ca. 60.000–65.000 SV-Beschäftigten im Landkreis bietet Aurich den ruhigen, fokussierten Raum für Post-Production, Animation und Datenbankverlage (WZ J58), die komplexe Energie-Dashboards oder Wartungshandbücher erstellen.

Leer: Der Landkreis Leer (ca. 55.000–60.000 SV-Beschäftigte) ist ein Logistik- und Handelsknotenpunkt. Hier können Medienagenturen Software-nahe Dienstleistungen (WZ J62 verwandt, aber im J59-Kontext für App-Produktion) für den Mittelstand skalieren.

Wittmund: Klein, ländlich, mit ca. 11.600 SV-Beschäftigten (Stand 2007, Tendenz ähnlich). Ideal für Mikro-Studios, die sich auf hochwertige Audio-Produktion (WZ J59) oder Fotografie für die benachbarten Inseln (Juist, Langeoog) spezialisieren – weg vom Massenmarkt, hin zur Nischen-Exzellenz.

Strategische Handlungsempfehlungen für Entscheider

  1. Cluster ohne Gebäude errichten: Anstatt ein teures “Kreativzentrum” in Emden zu betonieren, sollte die Wirtschaftsförderung der Landkreise ein digitales Kooperationsmodell (Virtual Hub) für WZ J58/J59 etablieren. Geteilte Render-Server, gemeinsame Pitch-Decks für Großkunden wie VW oder Enercon. Das senkt die Fixkosten und erhöht die Schlagkraft gegenüber Hamburger Agenturen.

  2. Talent-Retention durch “Coastal Living”: Der ländliche Raum hat einen massiven Vorteil, den Metropolen nicht kopieren können: Unverbauten Horizont und bezahlbaren Wohnraum. Medienunternehmen sollten ihre Stellenanzeigen nicht mit “Wir suchen einen Social Media Manager” überschreiben, sondern mit “Produziere Filme für die größte Offshore-Industrie Deutschlands und surf danach”. Das bindet die Absolventen der Hochschule Emden/Leer und verhindert die Abwanderung in den Roten Ozean der Großstädte.

  3. Produktisierung der regionalen Expertise: Ein kleines Studio in Wittmund sollte nicht versuchen, den nächsten Netflix-Dokumentarfilm zu schreiben, sondern ein standardisiertes “Offshore-Wind-Image-Package” für Anlagenbauer weltweit verkaufen. Die Blue Ocean Strategy verlangt, aus Einzelleistungen skalierbare Produkte zu machen, die nirgendwo anders so authentisch erbracht werden können.

  4. Cross-Industry-Storytelling: Nutzen Sie die 7.000–10.000 Beschäftigten im Tourismus und die 9.500 bei VW. Ein “Mobility & Coast”-Format (Podcast/Video-Serie), das die Transformation vom Verbrenner (Emden) zur Elektromobilität und die Rolle der Windenergie (Aurich) verknüpft, bedient einen unbesetzten Markt: Die industrielle Dekarbonisierung aus ländlicher Sicht.

Vergleich zu anderen Regionen

In München oder Stuttgart wird Kreativwirtschaft durch hohe Industrie-Dichte und hohe Kosten erkauft. In Berlin herrscht Sättigung im Bereich Web-Video und Publishing. Ostfriesland bietet im Vergleich zum Ruhrgebiet (das ähnliche industrielle Wurzeln hat, aber dichter besiedelt ist) den Vorteil der kurzen Wege zur Natur und der extrem spezifischen maritime-energy-Nische. Wer aus dem Ruhrgebiet kommt, muss sich erst in die Hafenlogistik einarbeiten; in Emden ist man mittendrin.

Während andere ländliche Räume (z.B. Teile Mecklenburg-Vorpommerns) versuchen, durch Filmförderung Großproduktionen anzulocken, setzt Ostfriesland besser auf B2B-Deep-Dive-Medien. Das ist krisenresistenter und bindet das vorhandene SV-Beschäftigten-Potenzial der Industrie (insgesamt >20.000 in Auto/Wind) als Auftraggeber.

Fazit

Die Medien- und Kreativwirtschaft (WZ J58/J59) in Ostfriesland muss aufhören, sich als “kleine Schwester” Hamburgs zu verstehen. Durch die konsequente Anwendung der Blue Ocean Strategy – Fokus auf Industrial-Media, Virtual Clustering und Coastal Living – lässt sich ein profitabler, defensiver Marktraum aufbauen. Die Datenlage (160.000–170.000 SV-Beschäftigte, starke Industrie-Anker) stützt dieses Modell ökonomisch.

Lesen Sie mehr über die Anwendung von Strategie-Frameworks in ländlichen Räumen in unserem Blog oder vertiefen Sie Ihr Wissen über Wertinnovation in unserem Framework-Bereich.


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