Forschung & Entwicklung in München: Warum das 3 Horizons Framework jetzt überlebenswichtig ist
Die Metropolregion München zählt zu den dichtesten Forschungs- und Entwicklungsstandorten Europas. Mit rund 30.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Hochschulen und Forschung (WZ P85, Rang 8 im regionalen Ranking) und einer starken institutionellen F&E-Branche (WZ M72) steht die Region hinter dem Silicon Valley und Cambridge (UK) in der globalen Spitze der Innovationsdichte. Doch die Lage ist nicht komfortabel: Während die Bundesrepublik 2024/2025 rund 125–130 Mrd. € in F&E investiert (ca. 3,1 % des BIP, OECD-Schnitt 2,7 %), erodieren klassische Wertschöpfungsketten. BMW transformiert (C29: “Transformation” statt Wachstum), Kreditinstitute schrumpfen, der Maschinenbau stabilisiert sich nur mühsam.
Für Entscheider in der Münchner F&E-Branche (WZ M72) reicht es nicht, “mehr Innovation” zu betreiben. Es braucht eine harte Portfoliosteuerung über Zeithorizonte. Genau dafür liefert das 3 Horizons Framework (McKinsey-Ursprung, heute Standard im strategischen Innovationsmanagement) das Raster. Dieser Artikel wendet es konkret auf München an – mit echten Zahlen, lokalen Arbeitgebern und Umsetzungshinweisen.
Die Ausgangslage: München als F&E-Metropole
München ist kein Monokultur-Standort. Die Top-20-Branchen der Metropolregion (Stand Juni 2026, ~6 Mio. Einwohner) zeigen ein breites Cluster:
- Luft- und Raumfahrt (C30): ~52.000 SV-Beschäftigte, wachsend. MTU Aero Engines (~5.000 MA), Airbus-Zulieferer, DLR-Standorte.
- IT/Software (J62): ~45.000, stark wachsend.
- Elektronik/Optik (C26): ~28.000, wachsend. Siemens (~12.000), Infineon (~5.000).
- Hochschulen/Forschung (P85): ~30.000. LMU (~10.000), TU München (~8.000).
- Automobil (C29): BMW ~35.000 MA gesamt, viele in F&E – aber Produktion unter Transformation.
Diese Cluster sind die Abnehmer und Auftraggeber von WZ M72. Die Forschungsgesellschaften sind physisch präsent: Fraunhofer (mehrere Institute, u. a. EMFT, IKS), Max-Planck-Gesellschaft (MPI für Physik, Biochemie, Neurobiologie), Helmholtz (DLR Oberpfaffenhofen liegt im Speckgürtel), Leibniz. Das Europäische Patentamt (EPA) sitzt in München – ein oft unterschätzter Hebel für F&E-Strategie, da es als Frühindikator für technologische Schwerpunkte dient.
Standortfaktor Personal: Die TU München produziert jährlich ~1.500 Absolventen in MINT-Fächern, die LMU ~1.200. Der Wettbewerb um Fachkräfte ist jedoch preistreibend. Bei ~35.000 Beschäftigten in Unternehmensberatung (M70, Rang 7) und ~45.000 in IT (J62) konkurriert M72 direkt mit besser bezahlten Nachbarbranchen.
Das 3 Horizons Framework auf WZ M72 angewandt
Das Framework teilt strategische Initiativen in drei Zeithorizonte:
- Horizon 1 (H1): Verteidigung und Optimierung des heutigen Kerngeschäfts (0–12 Monate).
- Horizon 2 (H2): Emergierende Geschäftsmodelle und Programme (1–3 Jahre).
- Horizon 3 (H3): Zukunftsmärkte und radikale Neuerungen (3–7+ Jahre).
Horizon 1: Das laufende Auftragsgeschäft sichern
Für Münchner F&E-Häuser bedeutet H1: Die industriekooperierten Projekte mit BMW, Siemens, MTU und den Versicherern (Allianz ~15.000, Munich Re ~6.000 MA) stabil laufen lassen. Die Auftragsforschung hängt an diesen Clustern.
Datenpunkt: C30 (Luftfahrt) wächst. MTU Aero Engines meldete 2025 ein Auftragsplus im Triebwerks-Wartungsgeschäft. F&E-Zulieferer im Umfeld (z. B. Materialprüfung, Sensorik) sichern sich hier planbare Margen.
Risiko: BMW-C29-Transformation. Fallen F&E-Budgets im Automobil weg, trifft es Münchner Institutsteile hart. H1-Empfehlung: Kundenbasis diversifizieren – weg von >40 % Auto-Anteil hin zu C26/C30/IT.
Horizon 2: Brücken bauen
H2 sind die Programme, die in 1–3 Jahren skalieren. In München sind das konkret:
- KI-gestützte F&E-Dienstleistung: J62 wächst stark. F&E-Häuser, die eigene ML-Pipelines für Kunden (z. B. Chip-Design-Validierung bei Infineon) aufbauen, besetzen die Lücke zwischen Grundlagenforschung und Softwarehaus.
- Halbleiter-Ökosystem: Infineon (~5.000 MA) und Siemens expandieren in Elektronik. Die Fraunhofer-IEMFT in München forscht an heterogener Integration. H2-Projekte hier sind europäisch kofinanziert (IPCEI, Chips Act).
- Klimaneutrale Luftfahrt: MTU und DLR treiben Wasserstoffturbinen. F&E-Unternehmen, die Prüfstände oder Simulation liefern, sind in H2.
Vergleich Region: Cambridge (UK) hat mit ARM und Babraham ein ähnliches H2-Profil, ist aber halb so groß. München hat den Vorteil der DAX-Präsenz (Siemens, BMW, Allianz, Munich Re), aber den Nachteil der Bürokratie bei öffentlich finanzierter F&E (BMBF-Projektlaufzeiten vs. bayerische Gremien).
Horizon 3: Radikale Neuausrichtung
H3 in M72 München:
- Quantentechnologie: Munich Quantum Valley (MQV) mit Max-Planck und TU. Noch <500 MA direkt, aber 2030 relevant für Kryptografie/Simulation.
- Synthetische Biologie: An der LMU entstehen Startups (z. B. im BioFoundry-Umfeld). Noch Nische, aber H3-Hebeleffekt über Pharma/Medtech (Städt. Klinikum ~7.000 MA).
- Autonome Systeme: DLR + TU + BMW. Wenn Level-4 kommt, braucht es neue F&E-Standards jenseits der heutigen Funktionstests.
H3 wird in München oft durch die Nähe zum EPA begünstigt: Frühe Patentanmeldungen sichern laterale Optionen.
Strategische Handlungsempfehlungen für Entscheider
Basierend auf der Datenlage und dem Framework leiten wir fünf konkrete Schritte ab:
1. F&E-Portfolio nach H1/H2/H3 splitten – und budgetieren. Ein Münchner Mittelständler (50–500 MA) sollte ~70 % Umsatz in H1, ~20 % in H2, ~10 % in H3 steuern. Fehlt H3, verliert man in 5 Jahren die Anschlussfähigkeit an MQV oder Chips-Act-Förderung.
2. Kundencluster rebalancieren. C29-Anteil prüfen. Wenn >30 % des F&E-Umsatzes von einem Automobil-OEM kommt: Jetzt H2-Pipeline in C26 (Infineon) oder J62 (Software) aufbauen. Die Metropolregion liefert mit ~45.000 IT-Beschäftigten genug Abnehmer.
3. Patentstrategie über das EPA nutzen. Das Europäische Patentamt ist in München. Frühanmeldungen (Provisional) kosten relativ wenig, sichern aber H3-Optionen. Wir sehen bei Klienten zu oft: “Forschen ja, schützen nein.”
4. Standortkosten gegen Talentpool rechnen. München ist teuer (Gewerbemiete >25 €/m² für Labore). Aber: Kein anderer deutscher Standort liefert gleichzeitig TUM-MINT-Absolventen, DAX-Forschungsbudgets und Fraunhofer-Nähe. Osnabrück oder Ostfriesland (siehe Branchenreport-Quelle) sind günstiger, haben aber <10 % der Münchner Dichte. Empfehlung: H1-Operationalisierung ggf. auslagern, H2/H3-Kern in München halten.
5. Fördermittel-Mix aktiv managen. BMBF, Bayerisches StMWi, EU (Horizon Europe, Chips Act). H2-Projekte ohne EU-Co-Finanzierung sind 2026 ökonomisch ineffizient. München hat mit den Großgesellschaften (Fraunhofer, Helmholtz) die Antragskompetenz vor Ort – kooperieren statt konkurrieren.
Vergleich zu anderen Regionen
| Region | F&E-Stärke | H2-Fokus | H3-Potenzial | Kostenindex |
|---|---|---|---|---|
| München | Sehr hoch (Cluster) | Halbleiter, Luftfahrt-KI | Quanten, SynBio | 100 (Basis) |
| Stuttgart | Hoch (Auto-FoE) | E-Mobility | Festkörperbatterie | 85 |
| Cambridge UK | Hoch (Uni-Spinoffs) | Biotech, ARM-Öko | Deep Tech | 110 (£) |
| Osnabrück | Mittel (siehe Report) | AgrarTech, Logistik | Nische | 60 |
München gewinnt durch Breite, verliert durch Kosten. Das 3 Horizons Framework zeigt: H1 muss die Miete bezahlen, H3 die Zukunftssicherung.
Fazit
Wer in München (WZ M72) heute nur H1 optimiert, wird in der C29-Transformation zum Opfer. Wer H3 romantisiert, ohne H1-Cashflow, stirbt vorher. Das 3 Horizons Framework zwingt zur ehrlichen Allokation. Die Metropolregion liefert mit ~52.000 Luftfahrt-, ~45.000 IT- und ~28.000 Elektronik-Beschäftigten genug H2-Brücken. Nutzen Sie die Nähe zu EPA, TUM und Fraunhofer.
Weiterführende Methodik finden Sie in unseren Framework-Erläuterungen sowie im Blog-Artikel zur Transformation von C29.
Datenstand: Juni 2026 (Bundesagentur für Arbeit, IHK München, Stifterverband, EPO). Schätzwerte auf Basis verfügbarer Cluster-Daten.