Forschung & Entwicklung in Oldenburg (WZ M72): Warum der 3 Horizons-Ansatz den Unterschied macht
Die Forschung und Entwicklung (F&E, WZ M72) steht in Deutschland für rund 125 bis 130 Milliarden Euro Jahresausgaben und damit für 3,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Im nationalen Vergleich ist die Branche ein Wachstumsmotor. Doch wenn wir den Blick von den metropolitanen Zentren wie München oder Stuttgart weg auf die kreisfreie Stadt Oldenburg richten, zeigt sich ein spezifisches Bild: Mit circa 1.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (SV-Beschäftigten) im WZ-Code M72 belegt die Branche in der Regionalstatistik zwar nur Rang 20 der Top-Industrien, verzeichnet aber einen klaren Wachstumstrend.
Für den DACH-Mittelstand in Oldenburg bedeutet das: Die institutionelle F&E ist klein, aber das Umfeld – insbesondere die Bildung und Forschung (WZ P85 mit rund 10.000 SV-Beschäftigten) sowie die Energiewirtschaft (EWE AG mit ~3.000 Beschäftigten vor Ort) – liefert die notwendige Tiefe für angewandte Innovation. Wer in Oldenburg strategisch planen will, kommt am 3 Horizons Framework nicht vorbei.
Die Ausgangslage: Oldenburg im R&D-Vergleich
Oldenburg ist keine klassische F&E-Metropole wie München, wo allein der Cluster aus Fraunhofer, Max-Planck und Großkonzernen wie Siemens oder BMW das Volumen von M72 dominiert. Der Branchenreport für München, Osnabrück und Ostfriesland zeigt, dass gerade in Nordwestdeutschland die anwendungsorientierte Forschung stark mit der regionalen Wirtschaftsstruktur verzahnt ist.
In Oldenburg sitzen mit der Carl von Ossietzky Universität (~3.000 Beschäftigte) und der Jade Hochschule (~1.800 Beschäftigte) zwei bedeutende Wissensproduzenten. Hinzu kommt die EWE AG, die als Energieversorger eigene Entwicklungskapazitäten bindet. Dennoch bleibt der reine WZ M72-Sektor mit ~1.000 SV-Beschäftigten im Vergleich zum Gesundheitswesen (~16.000) oder der öffentlichen Verwaltung (~18.000) eine Nische.
Das Problem vieler Mittelständler: Sie betreiben F&E informell in der Produktentwicklung (WZ C oder J), ohne die Skalierungschancen einer institutionalisierten M72-Struktur zu nutzen. Hier setzt die strategische Beratung an.
Das 3 Horizons Framework auf Oldenburger F&E angewandt
Das 3 Horizons Modell unterteilt strategische Planung in drei Zeithorizonte: H1 (heute geschäftsfähig), H2 (emergierende Geschäftsfelder) und H3 (zukünftige Paradigmenwechsel).
Horizon 1: Verteidigen und Ausbauen (Core Business)
Im ersten Horizont geht es um die Optimierung bestehender F&E-Kapazitäten. Für Oldenburg bedeutet das die enge Anbindung an die Universität und die Jade Hochschule. Derzeit fließen Mittel aus dem BMBF und der DFG primär in die Grundlagenforschung (P85). Der Mittelstand muss diese Erkenntnisse über Auftragsforschung und Kooperationsverträge in produktnahe Entwicklung überführen. Konkret: Ein Maschinenbauer (WZ C28, ~2.500 SV-Beschäftigte in Oldenburg) sollte seine F&E-Ausgaben nicht isoliert betreiben, sondern über die Jade Hochschule in das M72-Ökosystem spiegeln, um Fördermittel des Bundes (z.B. ZIM-Programm) effizienter abzurufen. Die Standortfaktoren – hohe Lebensqualität, geringe Büromieten im Vergleich zu München – sind hier Wettbewerbsvorteile, die es zu monetarisieren gilt.
Horizon 2: Emergierende Chancen (Energy & Maritime Tech)
Oldenburg ist das Tor zur Nordsee. Der Strukturwandel in der Automobilzulieferung (WZ C29, ~1.500 SV-Beschäftigte, Trend: Strukturwandel) zwingt Zulieferer, ihre Kompetenzen umzuschichten. H2 bietet hier die Chance für F&E in der Wasserstofftechnologie und der Offshore-Windforschung. Die EWE AG treibt bereits den Aufbau von Wasserstoff-Infrastrukturen voran. Mittelständische F&E-Einheiten (M72) sollten sich als Zulieferer für intelligente Energienetze (Smart Grids) positionieren. Während München auf Halbleiter und Automotive-F&E setzt, ist Oldenburgs H2-Nische die Sektorenkopplung. Unternehmen, die heute F&E-Budgets in die Sensorik für Windkraftanlagen oder die Speichersteuerung lenken, sichern sich in fünf bis sieben Jahren marktbeherrschende Positionen im Nordwest-Cluster.
Horizon 3: Zukunftsszenarien (Deep Tech & KI-gestützte Verwaltung)
Horizont 3 ist radikal. Was passiert, wenn die öffentliche Verwaltung (WZ O84, ~18.000 SV-Beschäftigte – der größte Arbeitgebercluster der Stadt) ihre Prozesse durch KI und autonome Systeme revolutioniert? Oldenburg hat mit der Universität eine starke Informatik-Fakultät. Die Gründung von M72-Spin-offs im Bereich Verwaltungs-KI oder autonomer maritimer Logistik (Hafen Oldenburg/Wilhelmshaven-Anbindung) ist ein H3-Szenario, das heute durch Seed-Finanzierung und Risikokapital vorbereitet werden muss. Ein Vergleich mit Osnabrück zeigt: Dort wird F&E stärker durch die Industrie (z.B. Logistik, Maschinenbau) getrieben. Oldenburg muss den Weg über die öffentliche Hand und die Energiewende gehen.
Standortfaktoren und Arbeitgeberstruktur nutzen
Die Top-Arbeitgeber der Region sind keine reinen M72-Einheiten, aber sie sind die Auftraggeber und Partner.
- Carl von Ossietzky Universität: 3.000 Beschäftigte, massive Publikationsrate, aber geringe Ausgründungsquote im Vergleich zu München.
- EWE AG: 3.000 Beschäftigte in Oldenburg, Treiber für angewandte Energieforschung.
- Klinikum Oldenburg: 2.800 Beschäftigte, potenzieller Partner für Medizintechnik-F&E (WZ M72 verknüpft mit Q86).
Für den Mittelstand bedeutet das: Die klassische “Forschungsabteilung” ist in Oldenburg oft virtualisiert. Man kauft die Forschung bei der Uni ein und entwickelt intern (WZ M72/ C/ J). Das spart Fixkosten und erhöht die Flexibilität.
Strategische Handlungsempfehlungen für Entscheider
Basierend auf der 3 Horizons Analyse leiten wir fünf konkrete Maßnahmen für Oldenburger Mittelständler und F&E-Verantwortliche ab:
- Fördermittel-Allianzen bilden: Da M72 in Oldenburg nur ~1.000 SV-Beschäftigte umfasst, fehlt die kritische Masse für teure Eigenforschung. Bilden Sie Konsortien mit der Universität und der Jade Hochschule. Nutzen Sie die Differenz zwischen BMBF-Förderquoten (bis zu 50% bei KMU) und der regionalen Nähe zu den Instituten.
- Energiewende als Kernkompetenz definieren: Der Trend im WZ C29 (Automobil) ist fallend. Nutzen Sie frei werdende Ingenieurkapazitäten für die Elektrolyseur- und Speicherforschung. Die EWE AG sucht lokale Partner.
- Talentbindung über Lebensqualität: München und Hamburg saugen Talente ab. Oldenburg punktet mit Wohnraum-Affordabilität und der Nähe zum Meer. Nutzen Sie dies in der Employer Brand Ihrer F&E-Einheiten, um die Fluktuation im Vergleich zu süddeutschen Hubs zu senken.
- IP-Strategie schärfen: Mit ~1.000 M72-Beschäftigten ist das Patentaufkommen in Oldenburg vergleichsweise gering. Nutzen Sie das DPMA effizient: Anmeldeschutz für Nischeninnovationen in der Wasserstofflogistik sichert Wettbewerbsvorteile gegenüber den Großclustern, die im Breitband innovieren.
- H3-Risikokapital poolen: Gründen Sie mit der LzO (Landessparkasse zu Oldenburg) und der OLB lokale Deep-Tech-Fonds. Warten Sie nicht auf Venture-Capital aus Berlin oder München, das Oldenburger Spin-offs unterbewertet.
Fazit: Oldenburg braucht keine Kopie von München
Der Branchenvergleich zeigt: Wer in Oldenburg F&E (WZ M72) betreibt, muss nicht mit den 130 Milliarden Euro Gesamtvolumen des Bundes mithalten wollen. Die Strategie muss in der Nische liegen – Energie, Maritime, Öffentliche Digitalisierung. Das 3 Horizons Framework hilft, die Lücke zwischen der starken P85-Basis (Universität) und der schwachen M72-Ausprägung zu schließen.
Lesen Sie weiter in unserem Blog über die spezifischen Förderprogramme für den Mittelstand in Niedersachsen und wie Sie die 3 Horizons Planung in Ihrer nächsten Vorstandssitzung operationalisieren.