Das Münchner Modell: F&E und Steuerung statt Produktion

Rund ~28.000 SV-Beschäftigte in der Metropolregion München, aber keine einzige Wafer-Fab – das ist das Paradoxon des Münchner C26-Clusters. Die Wertschöpfungsarchitektur folgt einem klaren Muster: München ist der Innovations- und Steuerungsknoten, die eigentliche Produktion findet an externen Standorten statt (Dresden, Oberkochen, Villach, Asien).

Unsere Value-Chain-Analyse nach Porter (1985) zeigt, warum diese Arbeitsteilung nicht nur kosteneffizient, sondern strategisch klug ist – und wo die größten Stellhebel für die Zukunft liegen.


🔗 Primäre Aktivitäten

1. Eingangslogistik: Globale Lieferketten im Krisenmodus

AktivitätRegionale Ausprägung MünchenOptimierungspotenzial
Rohstoffbeschaffung HalbleiterHochgradig globalisiert. Infineon bezieht Wafer von Siltronic (DE), Shin-Etsu (JP), Sumco (JP). Kritische Rohstoffe (Seltene Erden >85 %, Gallium >90 %) aus China.🔴 Rohstoff-Diversifizierung – Reduzierung der China-Abhängigkeit durch Recycling, Urban Mining und neue Lieferanten in Australien/Afrika.
Spezialkomponenten OptikZeiss bezieht Spezialglas von Schott (DE) und Ohara (JP). Laser Components (Olching bei München) als lokaler Lieferant.Lokale Lieferantenentwicklung in der MUC-Region. Langfristige Partnerschaften mit Schott.
Logistik-InfrastrukturFlughafen München für Express-Logistik. Autobahnnetz (A8, A9, A92) für regionale Zulieferer.⚠️ Staus und S-Bahn-Überlastung gefährden Just-in-Sequence. Investitionen in Verkehrsinfrastruktur dringend.

Wertschöpfungsbeitrag: Mittel, aber strategisch kritisch – Rohstoffabhängigkeit ist das größte systemische Risiko der gesamten Branche.


2. Produktion: München als Kopf, nicht als Hand

AktivitätRegionale Ausprägung MünchenOptimierungspotenzial
Wafer-FertigungKeine Wafer-Fabs in München. Produktion in Dresden, Regensburg, Warstein, Villach. MUC: F&E + Steuerung (Infineon HQ Neubiberg).Grünstrom-PPAs für externe Fabs. KI-gestützte Prozesskontrolle senkt Ausschuss.
Chip-Design & EntwicklungMUC ist das Chip-Design-Zentrum Deutschlands. Infineon: ~5.000 MA F&E in Neubiberg. Siemens EDA (Design-Tools). Rohde & Schwarz: ASIC-Design für HF-Chips.KI-gestütztes Chip-Design (Siemens EDA AI) reduziert Entwicklungszeit um 30–50 %. Open-Source-Hardware (RISC-V) als Chance.
Optische Fertigung❌ Hauptproduktion in Oberkochen. MUC: Optik-F&E und Vertrieb. Laser Components (Olching) als Ausnahme.Automatisierung der Linsenmontage. Digitale Zwillinge für Qualitätskontrolle.
Elektronikmontage (EMS)Keine EMS-Produktion in München (zu teuer). OS/OF: Kleine EMS-Dienstleister (~500–1.000 MA).Nearshoring-Potenzial für OS/OF – aber keine strategische Relevanz für MUC.
Prüffeld & QualitätssicherungRohde & Schwarz: hauseigene Prüffelder in München. Infineon: Qualifikationslabore in Neubiberg.KI-gestützte optische Inspektion. Predictive Quality Analytics.

Wertschöpfungsbeitrag: Sehr hoch – Chip-Design und optische F&E sind die mit Abstand wertschöpfungsintensivsten Stufen (25–35 % der Gesamtwertschöpfung).


3. Ausgangslogistik: Exportweltmeister mit Compliance-Last

AktivitätRegionale Ausprägung München
Exportlogistik70 % Exportquote. Hauptmärkte: EU (40 %), USA (15 %), China (10 %). Flughafen München als Express-Drehkreuz.
Dual-Use-ComplianceWachsender Kostenblock. US-Exportkontrollen (EAR/ITAR) + EU-Dual-Use erhöhen den Aufwand massiv. Eigene Compliance-Abteilungen mit 50+ MA.
Digitale DistributionSiemens Digital Industries: Cloud-Plattform Xcelerator. Infineon: myInfineon-Portal für Kunden.

Wertschöpfungsbeitrag: Mittel. Die Digitalisierung der Distribution senkt Kosten, aber die zunehmende Compliance-Komplexität ist ein wachsender Kostenfaktor.


4. Marketing & Vertrieb: Global Player mit Marke “Made in Germany”

AktivitätRegionale Ausprägung München
Key-Account-ManagementInfineon: Key-Account-Teams für BMW, VW, Mercedes. Rohde & Schwarz: Direktvertrieb an NATO/Behörden. Siemens: Global Account Management.
Technischer VertriebHohe Dichte an Applikationsingenieuren in München. Infineon Applikationszentren in Neubiberg.
MessenMünchen als internationaler Messestandort – electronica als Weltleitmesse für Elektronik.
Marke “Made in Germany”Infineon, Siemens, Zeiss, Rohde & Schwarz als globale Premium-Marken. Besonders relevant in Asien und USA.

Wertschöpfungsbeitrag: Hoch (15–20 %). Der technische Vertrieb ist ein entscheidendes Differenzierungsmerkmal gegenüber asiatischen Wettbewerbern.


5. Service: Kundenbindung durch Exzellenz

AktivitätRegionale Ausprägung München
Technischer KundendienstRohde & Schwarz: Servicezentrum München. Zeiss: Kalibrierungslabore.
FeldserviceInfineon: Field-Application-Engineers für OEM-Kunden. Siemens: Globaler Feldservice.
Schulung & TrainingInfineon Training Center Neubiberg. Rohde & Schwarz Academy.

Wertschöpfungsbeitrag: Mittel (5–10 %). Service als Differenzierungs- und Bindungsfaktor, aber nicht margendominant.


🏗️ Unterstützende Aktivitäten

A. Unternehmensinfrastruktur

AktivitätRegionale Ausprägung München
KonzernzentralenSiemens (MUC), Infineon (Neubiberg), Rohde & Schwarz (MUC). MUC ist das nationale Steuerungszentrum der C26-Branche.
ComplianceHohe Compliance-Last: Dual-Use, LkSG, DSGVO, NIS-2, US-Exportkontrollen. Eigene Abteilungen mit 50+ MA.
FinanzierungIPCEI-Mittel für SiC-Investitionen. EU-Förderung über European Chips Act. München als Finanzplatz mit Zugang zu Kapital.

B. Personalwirtschaft: Der kritische Engpass

AktivitätRegionale Ausprägung MünchenHerausforderung
RekrutierungHöchste MINT-Absolventen-Dichte DE (TUM, LMU, HM).🔴 Extreme Konkurrenz mit Google, Apple, Amazon, BMW, KI-Startups. Bedarf: ~1.000+ neue Ingenieure/Jahr allein in MUC.
AusbildungInfineon, Siemens, Rohde & Schwarz: eigene Ausbildungszentren. Kooperation mit TUM und HM.Ausbau dualer Studiengänge (Halbleiterphysik, Photonik, Chip-Design).
TalentbindungIG-Metall-Tarifbindung. Tariflohnsteigerung +2,6 % (2026).Talentabwanderung in Tech – Gehaltswettbewerb mit Google/Apple. Flexible Arbeitsmodelle als Differenzierung.

Wertschöpfungsbeitrag: Kritisch – Fachkräfte sind der Engpassfaktor #1 für das gesamte Münchner C26-Cluster.


C. Technologieentwicklung / F&E: Das Herz des Clusters

AktivitätRegionale Ausprägung MünchenStrategische Bedeutung
GrundlagenforschungTUM, LMU, Fraunhofer, Max-Planck, Munich Quantum Valley. Exzellente Forschung auf Weltniveau.Sicherung der Innovationspipeline für die nächste Dekade.
Angewandte F&EInfineon: ~5.000 F&E-Mitarbeiter in Neubiberg. Zeiss: Optik-F&E. Rohde & Schwarz: HF-F&E.Kern des Münchner Clusters. 10–15 % F&E-Quote. EUV-Monopol (Zeiss) als strategisch unverzichtbar.
PatentmanagementHöchste Patentdichte Deutschlands. Europäisches Patentamt in München.IP-Monopol (EUV-Optiken) als stärkster Wettbewerbsvorteil.

Wertschöpfungsbeitrag: Sehr hoch – F&E ist die Kernkompetenz des Münchner C26-Clusters und der entscheidende Standortvorteil gegenüber anderen Regionen.


D. Beschaffung: Strategische Abhängigkeiten

AktivitätRegionale Ausprägung MünchenRisiko
RohstoffeGlobaler Einkauf mit Konzentration auf China. Supply-Chain-Risikomanagement (LkSG).🔴 Lieferantenmacht – China dominiert Seltene Erden, Gallium, Germanium.
Anlagen & MaschinenLangfristige Rahmenverträge mit ASML, Applied Materials. Lieferzeiten 12–24 Monate.🔴 ASML-Monopol – strategische Abhängigkeit bei EUV-Lithographie.
EnergieHohe Strompreise in München. Ausgelastetes Stromnetz.🔴 Energiekosten – Erklärung für Fab-Ansiedlungen in Dresden/Magdeburg, nicht München.

📊 Wertschöpfungsstufen im Überblick

Das Münchner Modell: Wertschöpfungsverteilung

WertschöpfungsstufeAnteilStandort
Chip-Design / F&E25–35 %MUC – Kernkompetenz
Wafer-Fertigung10–15 %❌ Dresden, Regensburg, Villach
Optische Fertigung10–15 %❌ Oberkochen
Assemblierung & Test5–10 %❌ Asien, Osteuropa
Marketing & Vertrieb15–20 %MUC – Global-Player-HQs
Service & Support5–10 %MUC + regional
Verwaltung & Compliance10–15 %MUC

Die entscheidende Erkenntnis: München konzentriert sich auf die hochwertigen Wertschöpfungsstufen (F&E, Design, Steuerung, Vertrieb) – zusammen 50–70 % der Wertschöpfung mit den höchsten Margen. Die kapital- und energieintensive Produktion wird an externe Standorte verlagert.


🎯 Optimierungspotenziale entlang der Value Chain

AktivitätHebelPriorität
EingangslogistikRohstoff-Diversifizierung (Reduktion China-Abhängigkeit durch Recycling und Urban Mining)🔴 Hoch
Chip-Design (F&E)KI-gestütztes Chip-Design (Siemens EDA AI) – reduziert Entwicklungszeit um 30–50 %🟢 Sehr hoch
Wafer-Fertigung (extern)Grünstrom-PPAs, energieeffiziente Fabs – Kostensenkung + ESG-Compliance🟢 Hoch
AusgangslogistikDigitalisierung der Distribution, KI-Bestandsoptimierung🟡 Mittel
Marketing & VertriebMarktdiversifizierung (ASEAN, Indien, Nahost) – Reduzierung China-Abhängigkeit🔴 Hoch
HRTalent-Offensive + Automatisierung – Bekämpfung des Fachkräftemangels🔴 Sehr hoch
F&EQuantencomputing, 6G, KI-Chips – Zukunftssicherung der Wettbewerbsfähigkeit🟢 Sehr hoch
BeschaffungStrategische Rohstofflager – Lieferkettensicherheit🔴 Hoch

💡 Strategische Implikationen für Münchner C26-Unternehmen

Was das Münchner Modell so erfolgreich macht

Wo die größten Risiken liegen

Handlungsempfehlungen

  1. F&E-Quote halten oder steigern – der Wettbewerb um die technologische Führung wird intensiver
  2. KI in die Wertschöpfungskette integrieren – von KI-gestütztem Chip-Design bis zu Predictive Maintenance
  3. Rohstoff-Resilienz aufbauen – strategische Lager, Recycling, Lieferanten-Diversifizierung
  4. Talent-Offensive starten – internationale Rekrutierung, duale Studiengänge, Employer Branding
  5. Digitale Supply Chain aufbauen – Transparenz über die gesamte Wertschöpfungskette (LkSG-Compliance)

Fazit

Münchens Wertschöpfungsarchitektur ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer klugen strategischen Arbeitsteilung. Die Stadt konzentriert sich auf das, was sie am besten kann – F&E, Chip-Design, Steuerung und Vertrieb – und überlässt die energieintensive Produktion Standorten mit besseren Rahmenbedingungen.

Dieses Modell ist erfolgreich, aber verletzlich. Die größte Verwundbarkeit ist der Fachkräftemangel: Ohne genügend Ingenieure, Physiker und Softwareentwickler kann München seine Rolle als Innovationsknoten nicht halten. Die zweite Verwundbarkeit ist die Rohstoffabhängigkeit von China – ein Risiko, das durch den Ukraine-Krieg und die Taiwan-Spannungen noch drängender geworden ist.

Wer in München in C26 investiert, investiert in Kopf- statt Handarbeit – und das ist auf absehbare Zeit die richtige Strategie.


Diese Value-Chain-Analyse basiert auf dem Branchenreport Elektronik & Optik (WZ C26) vom 18.06.2026 sowie der Value-Chain-Analyse vom 19.06.2026. Quellen: Porter, M.E. (1985), Destatis, ZVEI, Bitkom, IHK München Nächste Aktualisierung: 16.07.2026


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