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Forschung & Entwicklung in Bremen: Der unterschätzte Spezialist
Deutschland gibt rund 127 Mrd. € für Forschung und Entwicklung (F&E, WZ M72) aus – etwa 3,1 % des BIP. Während München als patentstärkster Standort Deutschlands mit Max-Planck-, Fraunhofer- und Helmholtz-Zentren sowie zwei Exzellenzuniversitäten (LMU, TUM) dominiert, verfolgt Bremen eine andere, hochgradig fokussierte Strategie. Als kreisfreie Stadt mit rund 570.000 Einwohnern kann Bremen nicht mit der schieren Masse Münchens mithalten, besetzt aber im nationalen F&E-Ökosystem unverzichtbare Nischen: Luft- und Raumfahrt, Marineforschung und Werkstofftechnik.
Die Bremer F&E-Landschaft wird von Akteuren wie Airbus (Final Assembly Line für den A320), OHB SE (europäischer Raumfahrtprimärkontraktor), dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR, Institut für Raumfahrtsysteme), dem Fraunhofer-Institut für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung (IFAM) sowie dem Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie geprägt. Ergänzt wird dies durch die Universität Bremen mit dem Exzellenzcluster “Ocean Floor” (MARUM) und dem Leibniz-Institut für Werkstofforientierte Technologien (IWT).
Warum klassische KPIs in der F&E sträflich sind
Viele Mittelständler und Institute in Bremen steuern ihre F&E noch über Input-Metriken: F&E-Quote, Anzahl der Forschenden, eingeworbene Drittmittel. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und der Stifterverband publizieren diese Zahlen regelmäßig, doch sie sagen nichts über den erzeugten Wert aus. Ein Patent ist kein Erfolg, solange es nicht genutzt wird. Ein Drittmittelprojekt ist keine Leistung, wenn die Ergebnisse in der Schublade landen.
Hier setzt das North Star Metric Framework an. Die North Star Metric (NSM) ist die eine Kennzahl, die den Kernwert eines Produkts oder einer Dienstleistung für den Kunden am besten widerspiegelt und gleichzeitig das Wachstum des Unternehmens treibt.
Die North Star Metric für WZ M72 in Bremen
Wenn wir das NSM-Framework auf die F&E-Branche in Bremen anwenden, müssen wir den spezifischen Standortvorteil nutzen. Münchens NSM wäre vermutlich “Anzahl der international angemeldeten Schutzrechte mit kommerzieller Lizenzierung” (getrieben durch EPO und DPMA Präsenz). Bremen braucht eine NSM, die die anwendungsorientierte Tiefe der hiesigen Cluster belohnt.
Proposed North Star Metric für Bremen M72: Anzahl der in industriellen Anwendungen (TRL 7-9) erfolgreich skalierten F&E-Projekte im Cluster Luft-/Raumfahrt, Marine und Material.
Diese Metrik zwingt Institute und Unternehmen, nicht mehr Fördermittel als Erfolg zu sehen, sondern die tatsächliche Translation von Erkenntnis in marktfähige oder operativ eingesetzte Technologie.
Input, Output, Outcome: Das NSM-Modell für F&E
- Input: F&E-Ausgaben, Personal (in Bremen ca. 15.000–20.000 F&E-Beschäftigte schätzungsweise über alle Sektoren).
- Output: Publikationen, Prototypen, Patente (z.B. vom DPMA für OHB oder Airbus).
- North Star Metric (Outcome): Validierte, in der Bremer Industrie (z.B. bei Airbus, OHB, Atlas Elektronik) eingesetzte Innovationen.
Regionale Tiefe: Standortfaktoren und Arbeitgeber in Bremen
Bremen profitiert von einer dichten Verzahnung von Wissenschaft und Industrie, die München in dieser Form im Raumfahrtsektor nicht bietet (München fokussiert eher auf IT, Biotech, Automotive).
- Luft- und Raumfahrt: OHB und Airbus ziehen ein Ökosystem aus Zulieferern an. Das DLR in Bremen forscht an Raumfahrtsystemen, die direkt in OHB-Projekte fließen können.
- Marineforschung: Das MPI für marine Mikrobiologie und das MARUM der Uni Bremen sind global führend. Die Nähe zum Hafen und zu Unternehmen wie BLG oder Nordsee-Fischern schafft Transferpotenziale.
- Werkstoffe: Fraunhofer IFAM forscht an Klebtechnik und Additiver Fertigung – essenziell für Airbus und den Bremer Automotive-Zulieferer (z.B. OSCAR PLANT).
Im Vergleich zu München (F&E-Ausgaben Bayern ~25-28 % des Bundesanteils) ist Bremen quantitativ kleiner, aber qualitativ hoch konzentriert. Während München mit ~10.000 MA an der LMU und ~8.000 an der TUM scale-orientiert forscht, setzt Bremen auf Tiefenintegration in wenigen Leitmärkten.
Strategische Handlungsempfehlungen für Entscheider
Als Strategieberater für den DACH-Mittelstand gebe ich Ihnen vier konkrete Handlungsempfehlungen, um das NSM-Framework in Ihrer Bremer F&E-Einheit umzusetzen:
1. NSM als Steuerungsinstrument im Controlling verankern
Stoppen Sie die Berichterstattung nach Drittmittelvolumen. Definieren Sie für Ihr Institut oder Ihren R&D-Bereich die NSM “Skalierte Anwendungen”. Wenn ein Projekt das TRL 7 nicht erreicht, wird es nicht als Erfolg gewertet. Dies erfordert ein Umdenken in der Zusammenarbeit mit dem BMBF und der EU, deren Förderungen oft noch auf Publikationen pochen.
2. Cross-Institute Dateninfrastruktur aufbauen
Bremen leidet unter fragmentierter Datenhaltung. Nutzen Sie die Nähe von Uni Bremen, DLR und Fraunhofer IFAM, um eine gemeinsame “Bremen Innovation Pipeline” zu bauen. Tracken Sie den Status von Projekten über Institutsgrenzen hinweg. Lesen Sie dazu unseren Blogartikel über Datenstrategien im Mittelstand.
3. Talent-Retention gegen München sichern
München zieht durch höhere Gehälter und das “Silicon-Isar”-Flair. Bremen muss mit Lebensqualität und früher Verantwortung punkten. Entscheider sollten Nachwuchsforscher direkt an die NSM (Marktnähe) koppeln, statt sie in Grundlagenpublikationen zu verlieren.
4. IP-Strategie an die NSM koppeln
Ein Patent bei OHB oder Airbus ist nur wertvoll, wenn es in eine Mission oder einen Flugzeugtyp einfließt. Prüfen Sie Ihre Patentportfolios quartalsweise gegen die NSM: Wie viele Ihrer Schutzrechte sind in operativen Produkten?
Fazit: Bremen als NSM-Vorbild für Nischenmärkte
Die deutsche F&E-Branche (WZ M72) steht unter Druck, international wettbewerbsfähig zu bleiben. Während München die Breite spielt, zeigt Bremen, wie Tiefe funktioniert. Mit einer klar definierten North Star Metric, die nicht auf Input, sondern auf industrieller Skalierung setzt, kann der Bremer Mittelstand und die Forschungsinstitute ihre knappen Ressourcen präziser einsetzen.
Nutzen Sie das North Star Metric Framework nicht als Theorie, sondern als operatives Werkzeug. Die Daten aus Destatis und dem Stifterverband belegen: Wer misst, was zählt, gewinnt. Bremen hat die Akteure – jetzt muss die Metrik stimmen.