Executive Summary
Die Wertschöpfung der Münchner Chemieunternehmen konzentriert sich auf F&E (Patente, Verfahrenswissen) und globale Markterschließung, während die energieintensive Primärproduktion zunehmend an günstigere Standorte verlagert oder durch Grünstrom-PPAs optimiert wird. Die Value Chain Analysis zeigt die größte Wertschöpfungslücke im Bereich Kreislaufwirtschaft und chemisches Recycling.
Analyse
Primäre Aktivitäten:
Eingangslogistik / Rohstoffbeschaffung: Linde nutzt Umgebungsluft (kostenlos) als Rohstoff für Luftzerlegung — einziger Kostentreiber ist Energie. Wacker bezieht Rohsilicium (Quarzsand) global — Kostenanteil: 15–20 %. AlzChem (Trostberg) bezieht Kalkstein und Kohle regional — kurze Transportwege. Kritisch: Erdgas als Rohstoff und Energiequelle — Ukraine-Krieg hat Preise um 300 % hochgetrieben.
Produktion / Fertigung: Lindes kryogene Luftzerlegungsanlagen laufen 24/7 bei 95 % Auslastung. Energieverbrauch: 0,45 kWh/kg Sauerstoff. Wackers Silicone-Produktion (Burghausen) ist hochgradig automatisiert — Kosten etwa 60 % Energie + 20 % Rohstoffe + 20 % Personal. Die Produktion in München selbst ist minimal — strategische Funktionen (F&E, Corporate) sind in der Stadt konzentriert, Produktion in Burghausen, Nünchritz und weltweit.
Marketing und Vertrieb: Globales Key-Account-Management deckt 500+ Großkunden ab. Linde hat On-Site-Gasversorgungsverträge (CPV — Cost per Volume), die langfristige Kundenbindung sichern. Wacker arbeitet mit technischen Vertriebsmitarbeitern (Chemiker/Ingenieure), die kundenspezifische Lösungen entwickeln.
Unterstützende Aktivitäten:
F&E (Kern der Wertschöpfung): Wacker investiert 5 % des Umsatzes (ca. 300 Mio. €) in Forschung — Schwerpunkte: Silicium-Anoden, PFAS-freie Alternativen, biobasierte Silicone. Linde investiert 3 % (ca. 900 Mio. €) — Schwerpunkte: kryogene Technologie, Wasserstoff-Elektrolyse, CO₂-Abscheidung. Die Münchner F&E-Standorte arbeiten eng mit Fraunhofer IGCV, TUM und LMU zusammen — dies ist der größte Werttreiber und schwer kopierbar.
Patente und Verfahrenswissen: Wacker hat 5.000+ aktive Patente — der Schutz von Verfahrensknow-how ist der eigentliche Wettbewerbsvorteil. Linde hat 1.200+ Patente im kryogenen Bereich.
Personal: Hohe Spezialisierung — 60 % der F&E-Mitarbeiter haben Promotion. Der Münchner Standort profitiert von der hohen Lebensqualität für internationale Spitzenkräfte. Fachkräftemangel bei Chemikern bleibt dennoch eine Herausforderung.
Münchner Besonderheit: Der Hauptsitz von Wacker und Linde in München konzentriert strategische Funktionen (Corporate Strategy, F&E, Finance, M&A), während die Produktion dezentral erfolgt. München ist der “Kopf” der Wertschöpfungskette, nicht der “Bauch”.
Handlungsempfehlungen
- F&E-Standort München durch gemeinsame Innovationsplattform mit Fraunhofer und TUM weiter stärken — Ziel: 10 % mehr Patentanmeldungen pro Jahr durch Cluster-Kooperation.
- Produktion durch Grünstrom-PPAs langfristig am Standort Deutschland halten — Linde plant 500 MW Grünstrom-PPAs bis 2028.
Datenbasis
- Wacker Chemie AG: Geschäftsbericht 2024, F&E-Bericht, Patentportfolio
- Linde AG: 20-F SEC Filing 2024, Segmentberichte, F&E-Investitionen
- Fraunhofer IGCV (Augsburg/München): Industriekooperationen Chemie
- VCI: Kostenstruktur Chemische Industrie Deutschland 2024/2025
- TUM: Forschungspartnerschaften mit der Chemieindustrie
- Porter, M.: Competitive Advantage — Value Chain Analysis Framework
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