Value Chain Analysis Erneuerbare Energien Ostfriesland: WZ D35 im ländlichen Raum neu ordnen
Die Wirtschaftsstruktur Ostfrieslands – definiert durch die Landkreise Aurich, Leer und Wittmund sowie die kreisfreie Stadt Emden – basiert auf rund 160.000 bis 170.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Während in der öffentlichen Wahrnehmung oft die Windkraftanlagenfertigung (WZ C-28, maßgeblich Enercon in Aurich) im Fokus steht, bildet die Energieversorgung aus erneuerbaren Quellen (WZ D35) das eigentliche operative Rückgrat der ländlichen Region. Eine systematische Value Chain Analysis (Wertschöpfungskettenanalyse) zeigt auf, wo Ostfriesland bei der Stromerzeugung, -verteilung und -vermarktung echte Margen erwirtschaftet und wo Wertschöpfung ungenutzt an überregionale Akteure abfließt.
Ausgangslage: WZ D35 in der ostfriesischen Wirtschaftsgeografie
Ostfriesland weist als ländlicher Raum eine überdurchschnittliche Dichte an dezentraler Energieerzeugung auf. Die Region profitiert von der Küstenlage (Offshore-Windpark BARD Offshore 1 nördlich von Borkum, Anbindung über den Emder Hafen) sowie von ausgedehnten landwirtschaftlichen Flächen in den Landkreisen Aurich und Wittmund, die für Onshore-Wind und Biogas genutzt werden.
Im Vergleich zum Ruhrgebiet, wo die Energieversorgung (WZ D35) historisch durch zentrale fossil-thermische Großkraftwerke geprägt ist, oder zur Region München, die Energie primär importiert und durch Dienstleistungs-Margen monetarisiert, besitzt Ostfriesland einen Produktionsvorsprung bei grüner Kilowattstunde. Die SV-Beschäftigten im Sektor Energieversorgung (inklusive D35) sind zwar in der Top-20-Liste der Region nicht separat als D35 ausgewiesen – die Windenergie/Herstellung liegt als C-28 auf Rang 6 mit 5.000–7.000 Beschäftigten –, doch die Betriebsphase (D35) bindet weitere Tausende indirect über Netzbetreiber wie EWE Netz und Stadtwerke Emden.
Value Chain Analysis: Primäraktivitäten in WZ D35
Die Anwendung des Value Chain Framework auf die erneuerbare Energieversorgung in Ostfriesland offenbart fünf primäre Wertschöpfungsstufen:
1. Eingangslogistik (Grid & Port Infrastructure) Die Anbindung der Offshore-Anlagen erfolgt über Konverterstationen und den Emder Hafen, der als drittgrößter Autoverladehafen Europas gleichzeitig zur Windenergie-Logistik umgerüstet wurde. Tennet als Übertragungsnetzbetreiber und EWE Netz als Verteilnetzbetreiber stellen die physische Infrastruktur. Engpässe im Netzausbau führen hier jedoch zu Abregelungen (Curtailment), was direkt die operative Effizienz der Kette mindert.
2. Operationen (Erzeugung & Betrieb) Onshore-Windparks in Wittmund und Aurich, Biogasanlagen im Landkreis Leer sowie Solarfreiflächenanlagen bilden die operative Basis. Im Gegensatz zur Fertigung (C-28) ist WZ D35 arbeitsplatzintensiv in der Überwachung und im technischen Betrieb. Lokale Akteure wie die Stadtwerke Emden und regionale Bürgerenergiegenossenschaften halten Teile der Assets, doch institutionelle Investoren aus Süddeutschland und dem Ausland besitzen die Mehrheit der Onshore-Kapazitäten.
3. Ausgangslogistik (Einspeisung & Export) Der Strom wird in das nationale Verbundnetz eingespeist. Der Korridor SuedLink, der Niedersachsen mit Bayern verbindet, quert die Region. Die physische “Logistik” des Stroms verlässt Ostfriesland Richtung Industriezentren (z. B. VW-Werk Emden, das als größter lokaler Abnehmer via Direktvermarktung profitiert).
4. Marketing & Vertrieb (Direct Marketing & PPA) Seit dem EEG-Novelle-Regime müssen Betreiber die Direktvermarktung nutzen. Regionale Stadtwerke schließen Power Purchase Agreements (PPA) mit dem VW-Werk Emden ab. Die Marge im Vertrieb liegt bei den Aggregatoren (meist außerhalb Ostfrieslands ansässige Handelshäuser), während die lokale Erzeugung oft nur die Grundvergütung plus Marktprämie abzüglich Gebühren erhält.
5. Service & Wartung Wartung der Turbinen (technisch C-28 zugehörig, aber betrieblich D35-relevant) und Netzpflege. Hier gibt es eine starke Verzahnung mit dem Enercon-Cluster in Aurich, was die regionale Lieferkette stützt.
Support-Aktivitäten und Standortfaktoren
Die Unterstützungsaktivitäten der Wertschöpfungskette offenbaren strukturelle Stärken und Schwächen des ländlichen Raums:
- Beschaffung: Pachtverträge mit Landwirten in Leer und Aurich sichern Flächen. Die Akzeptanz in der Bevölkerung (ländlich, aber windenergieerfahren) ist höher als in deutschen Verdichtungsräumen.
- Technologieentwicklung: Die Hochschule Emden/Leer forscht an dezentralen Energiesystemen. Dennoch fehlt es an einer Transferstelle, die WZ D35-Betreiber mit lokalen IT-Dienstleistern für Smart-Grid-Lösungen vernetzt.
- Personalmanagement: Der ländliche Raum leidet unter Fachkräftemangel. Während VW Emden und das Gesundheitswesen (Q-86/87, Rang 2 mit 8.000–10.000 Beschäftigten) konkurrieren, kämpfen WZ D35-Netzbetreiber um Elektroniker und Techniker.
- Infrastruktur: Deichbau und Küstenschutz (Baugewerbe, WZ F, Rang 7) sind Voraussetzung für jede Offshore- und Küstenanlage.
Vergleich mit anderen Regionen: Nordfriesland und Münsterland
Im benachbarten Nordfriesland (Schleswig-Holstein) ist der Grad der Bürgerbeteiligung an WZ D35 signifikant höher. Genossenschaften halten dort die Wertschöpfung im ländlichen Raum. Im Münsterland wiederum dominiert die Biogas-Integration in Wärmekonzepte (Kraft-Wärme-Kopplung), was die Ausgangslogistik (Wärme-Netze) besser auslastet als in Ostfriesland, wo die Wärmeversorgung oft noch auf Erdgas (Import) basiert. Ostfriesland verliert bei der Sektorkopplung (Wärme, Mobilität, Wasserstoff) gegenüber diesen Vergleichsräumen, obwohl die Ressourcenbasis identisch ist.
Strategische Handlungsempfehlungen für Entscheider
Basierend auf der Value Chain Analysis ergeben sich für Mittelständler, Kommunen und Energiegenossenschaften in Ostfriesland konkrete Maßnahmen:
1. Lokalisierung der Direktvermarktung (Vertikale Integration) Kommunen in Aurich und Wittmund sollten eigene Energie-Marketing-Gesellschaften gründen oder bestehende Stadtwerke (Emden) mandatieren, die PPA-Verträge mit lokalen Großverbrauchern (VW, Krankenhäuser, Tourismusbetriebe) direkt halten. Dies verhindert, dass Margen an Hamburger oder Frankfurter Stromhändler abfließen.
2. Asset-Ownership durch regionale Fonds sichern Um die Abhängigkeit von externen Kapitalgebern zu reduzieren, ist die Gründung eines ostfriesischen Energie-Infrastrukturfonds (Public-Private-Partnership) ratsam. Ziel: Refinanzierung auslaufender Pachtverträge alter Windparks (Repowering) durch lokales Eigenkapital.
3. Sektorkopplung am Standort Emden/Leer Der Emder Hafen und das VW-Werk bieten die ideale Last für grünen Wasserstoff. Die Value Chain muss von “Strom exportieren” zu “Wertstoff Wasserstoff produzieren” erweitert werden. Leer als zentraler Logistikknoten (WZ H, Rang 8) kann Tankinfrastruktur bündeln.
4. Netzausbau als politisches Kernprojekt Die regionale Wirtschaftsförderung muss den Druck auf Tennet erhöhen, um Abregelungsverluste (