Executive Summary
Die Wertschöpfungskette der Münchner Automobilindustrie ist historisch durch eine tiefe vertikale Integration geprägt – BMW fertigt Motoren, Presskarosserien, Lackiererei und Endmontage in einem Werk. Die Transformation zur E-Mobilität verschiebt die Wertschöpfung jedoch fundamental: Von mechanischen Komponenten (Verbrenner-Motor, Getriebe) zu Software, Batterie und Elektronik. Die Analyse der Wertschöpfungskette zeigt, dass die höchste Rendite in Zukunft nicht in der Fertigung, sondern in der Software-Entwicklung (Operating System X, Connected Drive) und im Batterie-Kreislauf-Management liegen wird. Die zentrale strategische Frage lautet: Welche Teile der Wertschöpfungskette müssen intern aufgebaut werden, und welche können zugekauft werden?
Analyse
Primäre Aktivitäten
Eingangslogistik Die Logistik ist hochkomplex: Das BMW Werk München (Milbertshofen) erhält täglich 800 Lkw-Lieferungen mit 5.000+ verschiedenen Teilen. Das Just-in-Sequence-Verfahren (JIS) stellt sicher, dass die Teile in der exakten Produktionsreihenfolge ankommen – eine der anspruchsvollsten Logistikoperationen Europas.
- Stahl: thyssenkrupp (Duisburg), Salzgitter – 500.000 Tonnen/Jahr für das Presswerk München.
- Aluminium: Novelis (Alu-Service-Center München), Hydro (Norwegen).
- Batteriezellen: Noch zu 100 % importiert – CATL (China), Northvolt (Schweden/Ungarn). BMW sichert sich Direktlieferverträge ab 2025 und baut eigene Zellmontage (nicht Fertigung) in München auf.
- Elektronik: Infineon (Neubiberg – Nachbar), Bosch (Reutlingen), NXP (Niederlande).
- Rohstoffe: Lithium (Chile – SQM, Australien – Albemarle), Kobalt (DR Kongo – Glencore), Seltene Erden (China – >80 %).
Fertigung/Operation Die Fertigung im Stammwerk München ist eine der flexibelsten der Welt:
- BMW Werk München (Milbertshofen): Verbrenner- und E-Montage auf einer Linie (“One-Factory”-Konzept). Das Presswerk fertigt Karosserieteile für 3er, 4er und i4 gleichzeitig. Die Lackiererei wurde 2024 auf 100 % wasserbasierte Lacke umgestellt. Tagesproduktion: 900 Fahrzeuge (davon 30 % E-Antriebe, steigend).
- FIZ München (Forschungs- und Innovationszentrum): Hier werden 10.000 Ingenieure an der Neuen Klasse, Operating System X und autonomen Fahrsystemen. Das FIZ ist das Herz der BMW-Wertschöpfung.
- MAN Werk München (Allach): Lkw-Endmontage mit 50 Fahrzeugen pro Tag. Parallelfertigung von Diesel-, E- und H2-Lkw.
- ZF Friedrichshafen (München): Getriebefertigung und Entwicklung von E-Achsen.
- Webasto (Stockdorf): Batteriepacks, Dachsysteme, Thermomanagement.
Ausgangslogistik BMW versendet in 140 Länder. Das Werk München beliefert den europäischen Markt (per Lkw und Bahn). Das zentrale Ersatzteillager in München-Garching lagert 100.000+ Teile und ermöglicht eine 24h-Lieferung in ganz Europa. MAN versendet Lkw über das europäische Händlernetz.
Marketing und Vertrieb
- BMW: Händlernetz mit 700 Standorten in Deutschland, eigene Niederlassungen in 20 Großstädten (darunter München). Zunehmender Online-Vertrieb (BMW Online Shop 2024 gestartet, 5 % des Neuwagenverkaufs).
- Connected Drive: 20 Mio. vernetzte Fahrzeuge – die Kundenbindung über Software-Services wird zum zentralen Werttreiber.
- Flottenvertrieb: 30 % der Verkäufe gehen an Flottenkunden (Sixt, Unternehmen, Leasinggesellschaften).
Service (Aftermarket)
- BMW Wartung & Reparatur: Über das Händlernetz. Margen von 20–25 %.
- Connected Drive Services: Over-the-Air-Updates, Navigation Plus, Remote Services – wiederkehrende Umsätze mit 50+ % Marge.
- MAN Service: 24h-Pannenhilfe, Wartungsverträge, Ersatzteilversorgung.
- Gebrauchtwagen: BMW Premium Selection mit Herstellergarantie – ein margenstarkes Nebengeschäft.
Unterstützende Aktivitäten
Forschung & Entwicklung Das FIZ in München ist das größte Automobilforschungszentrum Europas. Schwerpunkte 2024–2027:
- Neue Klasse: Neue E-Plattform, 800-Volt-Architektur, neue Zellchemie.
- Operating System X: Vollständig software-definierte Fahrzeugarchitektur.
- Autonomes Fahren: Level 3 (2024), Level 4 (geplant 2027).
- Batterietechnologie: Feststoffbatterie (Solid Power), Batterie-Recycling.
- BMW investiert 10 Mrd. € p.a. in F&E (6,3 % vom Umsatz).
Personalwirtschaft
- Das BMW Ausbildungswerk München bildet 800 Azubis aus (Mechatroniker, Elektroniker, IT-Kaufleute).
- Duales Studium mit der DHBW München und der TUM.
- Der Fachkräftemangel bei Softwareingenieuren ist kritisch: 3.000 offene Stellen in München. Vakanzzeit: 9–12 Monate.
- Die alternde Belegschaft (40 % >50 Jahre) erfordert massives Umschulungsprogramm.
IT und Compliance
- Cybersicherheit: UN-R155, Security-Operation-Center im FIZ.
- Software-Compliance: ISO 26262 (Funktionale Sicherheit), UN-R156 (Software-Updates).
- Kartellrecht: BMW ist als großer Einkäufer (Stahl, Rohstoffe) kartellrechtlich exponiert.
- Datenschutz: EU-DSGVO bei Connected Drive Services.
Handlungsempfehlungen
Batterie-Wertschöpfung integrieren: BMW sollte nicht nur Batterie-Montage, sondern schrittweise auch Zellfertigung in München aufbauen – als Joint Venture mit Northvolt oder als eigene Fabrik. Die aktuelle Abhängigkeit von CATL und chinesischen Zellproduzenten ist strategisch riskant.
Software internalisieren: BMW muss die Software-Entwicklung (OS X, Connected Drive, KI-Features) vollständig intern aufbauen – aktuell werden noch 40 % der Software-Entwicklung extern vergeben. “BMW wird zum Software-Unternehmen, das auch Autos baut.”
FIZ-Öffnung: Das FIZ sollte als Innovations-Campus für externe Startups und Forschungspartner geöffnet werden – ähnlich dem BMW Startup Garage, aber skalierter. FIZ wird zum “Munich Automotive Innovation Campus” mit Platz für 500 Externe (Startups, TUM, Fraunhofer).
Datenbasis
- BMW Group, Produktionsreport Werk München 2024
- BMW Group, Geschäftsbericht 2024
- MAN Truck & Bus, Supply Chain Report 2024
- Webasto, Produktionsstrategie 2024
- ZF Friedrichshafen, Standort München 2024
- VDA, Wertschöpfungsstudie Automobil 2024
- TUM, Future Automotive Production 2024
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