Executive Summary

Die Wertschöpfungskette des Münchner Maschinenbaus ist durch eine tiefe vertikale Integration geprägt – von der Guss- und Schmiedekomponente bis zur Endmontage und zum Service. Die höchsten Margen werden nicht im Produktverkauf, sondern im Aftermarket-Service erzielt (25–35 % EBITDA). Die digitale Transformation verlagert die Wertschöpfung zunehmend in die Software- und Datenebene: Digitale Zwillinge, Predictive Maintenance und KI-gestützte Prozessoptimierung werden zu den entscheidenden Wettbewerbsfaktoren. Die Analyse zeigt, dass Münchner Unternehmen ihre Wertschöpfungskette in drei Bereichen optimieren müssen: Rohstoff- und Komponentenbeschaffung (Nearshoring, Preisabsicherung), Fertigung (Automatisierung, digitale Zwillinge) und Service (Daten-getriebene Geschäftsmodelle).

Analyse

Primäre Aktivitäten

Eingangslogistik Die Materialversorgung ist komplex und kostenintensiv. MAN Energy Solutions bezieht Gusskomponenten für Großmotoren aus Rumänien (Gusszentrum Tecum) und Tschechien, Stahl-Speziallegierungen (Inconel, Titan) aus Schweden und den USA. KraussMaffei setzt auf Just-in-Time-Lieferung für Hydraulikkomponenten (Bosch Rexroth aus Lohr) und Elektronik (Siemens SPS aus Nürnberg). Die Rohstoffpreise für Stahl schwankten 2023/2024 um ±30 %, was die Kalkulation von Festpreisprojekten massiv erschwert – Linde Engineering berichtet von Margendruck durch Stahlpreisanstiege bei langlaufenden Anlagenbauprojekten (2–5 Jahre Projektdauer).

Fertigung/Operation

Ausgangslogistik Spezialtransporte sind die Regel: MAN ES-Großmotoren werden per Tieflader oder Binnenschiff zu den Häfen transportiert (z. B. Rotterdam oder Hamburg für Übersee). KraussMaffei-Maschinen gehen als Standard-Container-Fracht. Linde Engineering versendet Komponenten weltweit. Das Ersatzteilgeschäft (50.000+ verschiedene Teile) wird über ein zentrales Lager in München mit 24h-Expressversand abgewickelt.

Marketing und Vertrieb Reiner B2B-Vertrieb über Industriekataloge, Fachmessen (K-Messe Düsseldorf, Hannover Messe), Engineering-Vertrieb und langjährige Kundenbeziehungen. MAN ES betreibt Projektvertrieb mit Vorlaufzeiten von 5–10 Jahren für Großkraftwerksprojekte. Linde Engineering verfügt über Global Account Management für die weltweit 20 größten Industriegase-Kunden.

Service (Aftermarket) – Der Profit-Hebel Der Aftermarket ist das margenstärkste Segment der Wertschöpfungskette:

Unterstützende Aktivitäten

Forschung & Entwicklung Die F&E-Quote liegt bei 5–7 % des Umsatzes. Die Anbindung an die TUM iwb und Fraunhofer IGCV ist ein zentraler Standortvorteil. Digitale Zwillinge werden als Querschnittstechnologie entwickelt, die alle Primäraktivitäten durchdringt: Virtuelle Inbetriebnahme (Fertigung), Remote-Diagnose (Service), Lastsimulation (Vertrieb).

Personalwirtschaft MAN ES bildet 200 Azubis aus (Mechatroniker, Industriekaufleute, technische Produktdesigner). Das duale Studium an der DHBW München ist fester Bestandteil. Der Fachkräftemangel bei Konstrukteuren (AutoCAD, 3D-CAD, Siemens NX) ist kritisch – Vakanzzeiten von 6–9 Monaten.

IT und Compliance Die EU-Maschinenverordnung 2023/1230 bindet erhebliche Entwicklungsressourcen für die CE-Kennzeichnung. Cybersicherheit bei vernetzten Maschinen wird zunehmend zum Verkaufsargument – MAN ES bietet einen “Cyber Secure Engine”-Standard an.

Handlungsempfehlungen

  1. Service-Digitalisierung: Remote-Diagnose und AR-gestützte Wartung (HoloLens) für alle Unternehmen ausrollen, KI-basierte Ersatzteilprognose einführen – das senkt Service-Kosten um 20 % und erhöht Verfügbarkeit auf >99 %.

  2. Open-Source-Plattform für Digitale Zwillinge: Gemeinsam mit Fraunhofer IGCV und TUM eine Open-Source-Plattform für digitale Zwillinge entwickeln, die als Branchenstandard etabliert wird. Die Kosten teilen sich alle Partner, der Nutzen maximiert sich durch Netzwerkeffekte.

  3. Nearshoring-Pool: Einen gemeinsamen Beschaffungspool für Guss- und Schmiedeteile in Osteuropa aufbauen (Rumänien, Tschechien, Polen), der die Rohstoffpreisschwankungen durch gemeinsame Einkaufsmacht abfedert.

Datenbasis


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