Die Wertschöpfungskette im radikalen Umbruch

Die Automobilindustrie durchläuft die tiefgreifendste Wertschöpfungsverschiebung ihrer Geschichte. Der Übergang vom Verbrennungsmotor zur E-Mobilität verändert nicht nur den Antriebsstrang, sondern die gesamte industrielle Architektur: Wegfallende Teilegruppen, neue Technologiefelder und eine fundamentale Neugewichtung der Wertschöpfungsanteile.

Unsere Value Chain-Analyse nach Porter zeigt die neun Aktivitätsbereiche im Detail – mit regionalem Fokus auf München (MUC) und Osnabrück (OS) als den beiden strategischen Polen der deutschen Automobilindustrie.


Primäre Aktivitäten

1. Eingangslogistik – Von JIT bis LkSG

AktivitätAusprägungRegionaler Bezug
Rohstoff-BeschaffungStahl, Aluminium, Kupfer, Lithium, Kobalt, Nickel. Globalisierte Lieferketten mit geopolitischen Risiken.OS: KME verarbeitet Kupfer (80 kg/E-Auto vs. 25 kg Verbrenner)
Just-in-Time (JIT)Hochpräzise Anlieferung ans Band. Halbleiterkrise zeigte Verwundbarkeit.MUC: BMW Werk München – JIT aus dem Umland
LkSG-ComplianceSeit 2024: Dokumentationspflicht entlang der gesamten Rohstofflieferkette.MUC: Konzern-Compliance; OS: Höhere relative Belastung

Wertschöpfungsanteil: ~5–8 % der Gesamtwertschöpfung
Trend: Nearshoring und Regionalisierung gewinnen an Bedeutung. Die EU-Batterieverordnung und der CO₂-Fußabdruck treiben lokale Lieferketten.


2. Produktion – Vom Verbrenner zur E-Fertigung

AktivitätMUCOS
Karosseriebau / RohbauBMW Werk München – 3er, 4er, i4, M-ModelleVW Osnabrück – Sonderfertigung Kleinserien
Antriebsstrang-FertigungBMW Motorenwerk + E-Antriebs-EntwicklungKME: Kupfer-Komponenten für E-Antrieb (Busbars, Leitungen)
Batterieproduktion (neu)BMW F&E Batterie – keine ZellproduktionKeine Aktivität
Prüfung & QSKI-gestützte optische QualitätskontrolleStandard-QS-Prozesse

Wertschöpfungsanteil: ~25–35 % der Gesamtwertschöpfung (OEM)
Zentrale Herausforderung: Die Fertigungstiefe sinkt – E-Antriebe benötigen 30–40 % weniger Teile. Giga-Casting (Groß-Druckguss) reduziert die Teilezahl zusätzlich. BMWs Umbau auf die Neue Klasse ab 2026 ist die entscheidende Modernisierungs-Chance für München.


3. Ausgangslogistik – Exportdrehscheiben

AktivitätAusprägungRegional
Fahrzeug-LogistikAutotransporter, Autozug, Autofrachter zu Händlern und ExportmärktenMUC: BMW-Export über Bremerhaven/Rotterdam
Teile-Logistik (Zulieferer)JIT/JIS-Versand an OEM-WerkeOS: KME Kupferbänder/-profile an OEMs und Tier-1
Export / ÜberseeVerladung in Häfen, ZollabwicklungOS: VW Emder Hafen (außerhalb Fokus MUC+OS)

Wertschöpfungsanteil: ~5–10 %
Risiko: Die US-Zollpolitik bedroht die Exporte deutscher Premium-OEMs (BMW 20–30 % Umsatz Nordamerika).


4. Marketing & Vertrieb – Premium als Differenzierung

AktivitätMUCOS
Markenführung★★★★★ – BMW Konzernzentrale, globales Brand Management★★☆☆☆ – B2B-Vertrieb, kein eigener Markenzugang
VertriebskanäleStationärer Handel + Online (Agenturmodell)Zulieferer-Vertrieb an OEMs
Fuhrpark-ManagementFlottenvertrieb (25–30 % der Neuzulassungen)Indirekt über OEM-Kunden

Wertschöpfungsanteil: ~10–15 %
Trend: Direct-to-Consumer (D2C) und Feature-on-Demand (Sitzheizung per Abo) verändern das Vertriebsmodell fundamental. München ist mit BMWs ConnectedDrive und iDrive 10 Vorreiter.


5. Kundendienst & Service – OTA als neue Cash Cow

AktivitätBedeutungRegional
Werkstatt-ServiceWeniger Verschleißteile bei E-Autos (Bremsen, Öl, Zündkerzen)MUC/OS: Händlernetz
Software-Updates (OTA)Neue Ertragsquelle – Feature-on-DemandMUC: BMW iDrive 10 OTA-Fähigkeit
Aftermarket/ErsatzteileMargenstabiles Geschäft (10–15+ %)MUC/OS: Bosch, ZF, Continental
Batterie-RecyclingNeue Wertschöpfung – EU-Verordnung schreibt Quoten vorMUC/OS: Aufbauphase

Wertschöpfungsanteil: ~10–15 %
Kernerkenntnis: Der Aftermarket wird sich durch E-Mobilität verändern – aber nicht verschwinden. Batteriediagnose, -reparatur und -recycling sowie Software-Updates werden zu neuen Servicestandbeinen.


Unterstützende Aktivitäten

Unternehmensinfrastruktur

AktivitätMUCOS
Konzernzentrale★★★★★ – BMW-Zentrale, Konzernfunktionen★★☆☆☆ – Mittelstand, kein OEM vor Ort
Compliance & Regulierung★★★★★ – Konzern-Rechtsabteilungen★★☆☆☆ – Höhere relative Belastung
IT-InfrastrukturBMW Cloud, Connected Drive BackendStandard-ERP-Systeme

Personalmanagement – Kampf um Talente

AktivitätMUCOS
Fachkräfte-Rekrutierung★★★★★ – TUM, LMU, Startup-Szene★★☆☆☆ – Fachkräftemangel spürbar
Transformations-QualifizierungMittel – strukturierte Programme★★★★★ – Höchster Bedarf (Pierburg)
TarifbindungIG-Metall +2,6 % (2026)IG-Metall +2,6 % (2026)

Der Widerspruch: Gleichzeitig sind 100.000–140.000 Arbeitsplätze in Deutschland gefährdet (Verbrenner-Abbau) UND herrscht massiver Fachkräftemangel in Software, KI und Batterietechnik. Osnabrück hat den höchsten Transformations-Qualifizierungsbedarf – besonders bei Pierburg/Rheinmetall.


Technologieentwicklung – Das Herz der Innovation

AktivitätMUCOS
F&E Fahrzeugtechnik★★★★★ – BMW FIZ, ~20.000+ F&E-MA★★★☆☆ – Angewandte Entwicklung
Batterie- & E-Antriebs-F&EBMW i-Campus, Batterie-KompetenzzentrumKeine
Software-EntwicklungBMW iDrive 10 (Linux), Software-ClusterKeine
FertigungsinnovationGiga-Casting, digitale ZwillingeBegrenzt

Wertschöpfungsanteil: 10–15 % des Umsatzes
München ist das absolute Epizentrum der Automobil-F&E. Die größte Wertschöpfungslücke ist die fehlende Batteriezell-Produktion – 30–40 % des Fahrzeugwerts entfallen künftig auf die Batterie, und München hat keine eigene Zellfertigung.


Wertschöpfungsverschiebung: Verbrenner vs. E-Antrieb

WertschöpfungsbereichVerbrenner (~2025)E-Antrieb (~2030)Veränderung
Antriebsstrang (gesamt)25–30 %10–15 %−50 %
davon Motor10–12 %3–5 % (E-Maschine)Stark rückläufig
davon Getriebe8–10 %4–6 % (Red.-Getriebe)Rückläufig
davon Abgasanlage5–7 %0 %Entfällt komplett
Batterie0–2 %30–40 %NEU – größter Block
Software/Elektronik10–15 %20–30 %Verdopplung
Karosserie/Fahrwerk~20 %~15–20 %Stabil
Innenausstattung~10–15 %~10–15 %Stabil
Vertrieb/Service~15 %~15 %Stabil

Kernerkenntnis: Die batterie- und softwarebezogene Wertschöpfung steigt von ~12 % auf ~50–70 %. Die mechanische Wertschöpfung fällt von ~25–30 % auf ~10–15 %. Die Wertschöpfungstiefe der deutschen Automobilindustrie sinkt per Saldo.


Regionale Wertschöpfungsprofile

München (MUC) – Vollständige Wertschöpfung mit F&E-Schwerpunkt

AktivitätBewertungKommentar
Eingangslogistik★★★☆☆JIT/JIS-Kompetenz, aber globale Rohstoffabhängigkeit
Produktion★★★★☆BMW Werk München – Umbau auf Neue Klasse
Marketing/Vertrieb★★★★★BMW Konzernzentrale – globales Brand Management
Technologieentwicklung★★★★★Epizentrum – FIZ, i-Campus, KI, Software
Personal★★★★☆Top-Fachkräftepool, aber hohe Standortkosten

Wertschöpfungs-Schwerpunkt MUC: F&E, Software, KI, Marketing/Vertrieb, Verwaltung
Wertschöpfungs-Lücke MUC: Batteriezellproduktion (keine)

Osnabrück (OS) – Zulieferer-Wertschöpfung im Umbruch

AktivitätBewertungKommentar
Produktion★★★★☆ (KME) / ★★☆☆☆ (Pierburg)KME stark, Pierburg unter Druck
Marketing/Vertrieb★★☆☆☆B2B an OEMs – kein eigener Markenzugang
Technologieentwicklung★★★☆☆KME: Werkstoffinnovationen; Pierburg: E-Aktorik-Entwicklung
Personal★★☆☆☆Fachkräftemangel, Transformationsqualifizierung dringend
Unternehmensinfrastruktur★★☆☆☆Mittelstand, kein OEM vor Ort

Wertschöpfungs-Schwerpunkt OS: Produktion/Verarbeitung (KME), Komponenten-Fertigung (Pierburg)
Wertschöpfungs-Lücke OS: Keine OEM-Funktion, keine F&E auf Konzernniveau


Strategische Handlungsempfehlungen

Branchenweit

HandlungsfeldEmpfehlungZiel
Batterie-WertschöpfungZellproduktion, Packmontage, Recycling aufbauenWertschöpfungsverlust kompensieren
Software-WertschöpfungPlattformen (iDrive, MB.OS) zur Kernkompetenz entwickeln10–15 % der Wertschöpfung sichern
Lieferketten-ResilienzMulti-Sourcing, Regionalisierung, LkSG-ComplianceVersorgungssicherheit
Aftermarket E-MobilitätBatteriediagnose, -reparatur, -recycling, Software-UpdatesMargenstabiles Geschäftsfeld

München (MUC)

PrioritätEmpfehlung
1F&E-Position halten – FIZ und i-Campus als weltweit führendes Zentrum ausbauen
2Batterie-Lücke schließen – eigene Zellproduktion oder strategische Partnerschaft
3Werk München modernisieren – Neue Klasse als Chance für modernste E-Produktion
4Startup-Integration – Tech-Startups systematisch in die Wertschöpfungskette einbinden

Osnabrück (OS)

PrioritätEmpfehlung
1KME-Expansion – Kupferverarbeitung als Star ausbauen, Recycling-Kompetenz stärken
2Pierburg-Transformation – Von Abgasrückführung zu E-Aktorik (zeitkritisch)
3VW Osnabrück-Neuausrichtung – Sonderfertigung für E-Nischenfahrzeuge
4Wertschöpfungs-Upgrade – Von reiner Fertigung zu „Engineered in OS"
5Aftermarket-Nische – Regionale Kompetenz für E-Aftermarket nutzen

Value Chain – Gesamtfazit

AspektAutomobilindustrie gesamtMUCOS
WertschöpfungsverschiebungVon Mechanik → Batterie + SoftwareF&E + Software als GewinnerKME als Gewinner; Pierburg als Verlierer
Größte WertschöpfungslückeBatteriezellproduktion (30–40 % des Fahrzeugwerts)Batteriezellproduktion (keine)OEM-Funktion + F&E fehlen
Größte WertschöpfungschanceSoftware (Feature-on-Demand, OTA, KI)KI/Software-Cluster (TUM, BMW)KME Kupfer-Boom (80 kg/E-Auto)
TransformationsbedarfSehr hochMittel – F&E gestärktSehr hoch
Risikofaktor Nr. 1Parallel-Investitionen (20–30 Mrd. €/Konzern)US-Zollrisiko, FachkräftemangelPierburg-VW OS Doppelrisiko

Call to Action

Für Entscheider in der Automobilindustrie: Die Value Chain-Analyse zeigt: Wer die Wertschöpfungsverschiebung verschläft, verliert den Anschluss. Die batterie- und softwarebezogene Wertschöpfung steigt von 12 % auf über 50 % – das ist die größte industrielle Transformation seit Erfindung des Automobils.

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Automatisch erstellt aus der VWL-Datenbasis für strategyisdead.com · Nächste Aktualisierung: 16.07.2026